Borreliose: Brief eines Arztes an seine chronisch kranken Patienten

AeskulapschlangeIn einem Blogbeitrag schreibt ein Arzt eine Art offenen Brief an seine chronisch kranken Patienten. Seine Gedanken sind es wert, wiedergegeben zu werden. Hier ein Auszug:

Liebe Patienten,

Sie haben es sehr schwer, schwerer als die meisten Menschen verstehen können. Nachdem ich seit 16 Jahren Ihre Geschichten gehört, die Müdigkeit in Ihren Augen gesehen und Ihnen zugehört habe, wie Sie versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben, komme ich zu dem Ergebnis, dass auch ich nicht nachvollziehen kann, wie Ihr Leben aussieht.

Wie beantworten Sie die Frage “Wie geht es Ihnen?”, wenn man vergessen hat, wie sich “normal” anfühlt? Wie gehen Sie mit jenen Menschen um, die denken, dass Sie Ihre Schmerzen, Ihre Gefühle und Ihre Erschöpfung übertreiben? (…)

Es gibt etwas, das Sie vermutlich nicht wissen. Es mag nicht wichtig erscheinen, aber glauben Sie mir, es ist wichtig.

Sie ängstigen Ärzte!

Dabei spreche ich nicht über Ängste vor Krankheit, Schmerzen und Tod. Ich spreche auch nicht über die Ängste von Ärzten vor den Grenzen ihres Wissens. Ich spreche über Ihr Verständnis für ein Faktum, das Ärzte verbergen: Wir sind normale, fehlbare Menschen, die zufällig Ärzte geworden sind. Wir sind nicht besonders. Tatsächlich sind viele von uns unsicher, wir möchten von anderen hören, dass es ihnen besser geht. Wir möchten Krankheiten heilen, Leben retten, wir möchten die richtige Person am richtigen Platz zur rechten Zeit sein.

Aber chronische, nicht-heilbare Krankheiten stehen uns im Weg. Ihnen geht es nicht besser und das frustriert uns. Viele von uns lässt das böse auf Sie werden. Wir möchten nicht Problemen ins Gesicht sehen, die wir nicht lösen können, weil sie uns unsere Grenzen zeigen. Wir wollen ein Wunder und Sie verweigern uns diese Option.

Das ist die Sichtweise, wenn Sie uns aufsuchen – Ihre Sicht ist völlig anders. Sie sehen uns immer enttäuschter werden. Sie sehen uns, wenn wir aufgeben möchten. Wenn wir uns um Sie kümmern, müssen wir die Vorstellung alles unter Kontrolle und Macht über die Krankheit zu haben, aufgeben. Wir werden ärgerlich, unsicher und möchten lieber mit den Patienten weitermachen, denen wir helfen können, die wir retten oder zumindest beeindrucken können. Sie sind der Fels, der zeigt, wie leicht ein Schiff daran zerschellen kann. Ihre Sicht auf Ärzte ist wirklich sehr unterschiedlich.

Hinzu kommt noch, dass Sie etwas besitzen, was normalerweise unser Bereich ist: Wissen. Sie wissen mehr über Ihre Krankheit als die meisten von uns. Ihre MS, Ihre rheumatoide Arthritis (…) ist etwas, was uns nicht regelmäßig begegnet. Es ist etwas, das die meisten von uns zu vermeiden suchen. Sie besitzen ein tiefes Verständnis über etwas, das die meisten Ärzte nicht besitzen. Selbst Ärzte, die auf Ihre Krankheit spezialisiert sind, können diese Art Wissen nicht teilen, das man nur durch das Leben mit der Krankheit gewinnen kann. Das ist wie das Wissen der Eltern über ihr Kind versus das eines Kinderarztes; letztere mögen ein breites Wissen haben, aber Sie verfügen über jene Wissenstiefe, die kein Arzt jemals haben kann.

Wenn Sie nun einem Arzt begegnen, insbesondere einem, den Sie nie zuvor gesehen haben, begegnen Sie ihm mit einem Wissen über Ihre Krankheit, das er nicht hat und einem Wissen über die Grenzen seines Wissens, die nur wenige Patienten haben. Verstehen Sie jetzt, warum Sie Ärzte ängstigen? Es ist nicht Ihr Fehler, dass es so ist, aber diesen Umstand zu igorieren, limitiert die Hilfe, die sie von diesem Arzt erhalten können. (…)

Lassen Sie mich so frech sein und Ihnen einige Ratschläge für den Umgang mit Ärzten geben:

- Seien Sie nicht bestimmend. Sie müssen für sich sprechen, aber vergessen Sie nicht, dass Ärzte es gewohnt sind, die Kontrolle über alles zu haben. Alle anderen Patienten kommen mit Respekt in die Praxis; Sie dagegen zerstören die Halbgott-in-Weiß-Illusion. Die wenigsten Ärzte goutieren diese Realität von Anfang an. Ihr Ziel muss es sein, mit Ihrem Arzt eine Partnerschaft des Vertrauens aufzubauen. Am Anfang zu bestimmend aufzutreten, könnte diese Chancen zunichte machen.

- Zeigen Sie Respekt. Ich schreibe das vorsichtig, denn es gibt Ärzte, die Patienten nicht mit Respekt behandeln, besonders nicht jene wie Sie, mit chronischen Krankheiten. Diese Ärzte sollten sie meiden. Die meisten von uns sind aber nicht so. Wir möchten Menschen wirklich helfen und versuchen sie gut zu behandeln. Aber wir haben sehr hart gearbeitet, um unsere Position zu erreichen. So wie Sie behandelt werden möchten, so behandeln Sie bitte auch uns.

- Legen Sie Ihre Eier nur in wenige Körbe. Suchen Sie sich einen guten Hausarzt und einige Spezialisten. Erwarten Sie nicht von einem neuen Arzt, dass er alles schnell findet. Ich habe Jahre mit wiederholten Besuchen gebraucht, bis ich meine chronisch-kranken Patienten verstand. Die beste Versorgung gibt es, wenn der Arzt den Patienten versteht und umgekehrt. Das braucht Zeit.

- Nutzen Sie die Notaufnahme nur, wenn Sie sie unbedingt brauchen. Die Ärzte dort werden mit Ihnen zu kämpfen haben. Sie können Ihre Schmerzen nicht lindern und werden ganz sicher nicht versuchen, Sie zu verstehen. Das ist nicht ihr Job. Sie haben in ihrer Ausbildung gelernt, Probleme schnell zu lösen und dann den nächsten Notfall-Patienten zu behandeln. Chronische Erkrankungen zu behandeln ist nicht ihr Job. Das gilt auch für alle anderen Ärzte, die Sie nur kurz sehen; sie werden versuchen, mit Ihnen so schnell wie möglich fertig zu werden.

- Meiden Sie keine Ärzte. Eines der frustrierendsten Dinge sind Patienten, die nach langer Zeit mit einer langen Liste an Problemen zu mir kommen. So kann ich nicht arbeiten und ich denke, die meisten Ärzte auch nicht. Jeder Besuch sollte erstmal nur mit wenigen Problemen zur gleichen Zeit zu tun haben. Sonst häufen sich die Fehler. Es ist okay, eine Liste mit den Beschwerden anzulegen, aber erwarten Sie nicht, dass man mit allen Beschwerden sofort umgehen kann. Eine solche Liste hilft mir jedoch, die Beschwerden in ihrer Bedeutung einzuordnen.

- Geben Sie sich nicht mit Dummköpfen ab. Zumindest nicht, wenn Sie noch andere Möglichkeiten haben. Suchen Sie so lange, bis Sie den richtigen Arzt gefunden haben. Einige sind für chronische Erkrankungen ungeeignet, während andere durchaus eine längere Arzt-Patientenbeziehung schätzen. Sie müssen sich nicht mit Ärzten abgeben, die Ihnen nicht zuhören oder Ihre Probleme verniedlichen.

- Vergeben Sie uns. Manchmal vergesse ich Wichtiges aus dem Leben meiner Patienten. Manchmal weiß ich nicht, dass Sie eine OP hinter sich haben oder dass Ihre Schwester auch bei mir war. Manchmal vermeide ich den Kontakt mit Leuten, weil ich meine Grenzen nicht sehen will. Seien Sie geduldig mit mir – ich weiß meistens, wenn ich etwas falsch gemacht habe und wenn Sie mich gut kennen, wissen Sie, dass Sie mich auch daran erinnern können.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr

Dr. Rob

B. Jürschik-Busbach © 2013

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Quelle: http://more-distractible.org/2010/07/14/a-letter-to-patients-with-chronic-disease/

 

 

5 Kommentare zu Borreliose: Brief eines Arztes an seine chronisch kranken Patienten

  1. Wolf Larson meint:

    Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten hergeht, folgt tatsächlich manchmal die Ursache der Wirkung! Grins!

  2. kadeex meint:

    DANKE, Birgit J.B.!
    Das trifft exakt die Situation der betroffenen Patienten und ihrer Ärzte. Weltweit.

  3. Thomas H. meint:

    Sehr guter Beitrag, der für alle Ärzte Pflichtlektüre werden müsste.

  4. B.Ziegler meint:

    Ich habe durch den Brief Einblick beklommen, warum Ärzte mich so behandeln! Es ist wünschenswert und hilfreich wenn Ärzte mit dem Patient diese OFFENHEIT ebenfalls an den Tag legen würden, damit der Patient auch weiß, wie er mit seiner Krankheit umgehen kann bzw.akzeptieren kann!

  5. D. Ehrhardt meint:

    Das ist eine klare Ansage – finde ich echt gut. Auch wenn sich unser System als perfekt aufdräängt,steht hinter allem auch menschen. Sich dies oder jenes im Fall des Falles immer vor Augen führen,das wird wohl auf beiden Seiten nicht gekonnt ablaufen können. Da fehlt die Zeit+Geduld,die wir uns selbst stehlen.

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