Borreliose und Biofilme. Das nächste Kapitel in dieser verhängnisvollen Affäre …

medBloodSample mit link auf geekphilosophercomBereits mehrfach ist in diesem Blog das Thema “Borrelia burgdorferi und Biofilme” behandelt worden, siehe auch: http://www.verschwiegene-epidemie.de/tag/biofilm/

In einem Gastbeitrag in einem US-Blog von Lymedisease.org beschreibt der Pathologe Dr. Alan MacDonald u.a. die Hindernisse, die zu überwinden waren, bis sein Artikel über neue Erkenntnisse zum Thema Borrelien und Biofilme endlich veröffentlicht wurde.

Bereits im Film “Under our skin” beschrieb Dr. MacDonald “die aufregende Zukunft der Borrelien-Biofilme” als das nächste “große Ding”. Bereits während der Dreharbeiten, schreibt MacDonald, habe er den Nachweis über biofilmbildende Borrelien in den Händen gehalten, doch es musste noch ein wissenschaftlicher Artikel darüber veröffentlicht werden.

Ein wichtiger Meilenstein war schließlich die lang erwartete Veröffentlichung des Artikels “In Vitro Biofilms of Borrelia burgdorferi“, im November 2012 in PLOS ONE.

Sechs Jahre hatte es gedauert, um diesen Artikel veröffentlicht zu bekommen. Als besonders beschwerlich, so MacDonald, erwiesen sich die Überarbeitungen, zu denen wir aufgefordert wurden. Sprachlich durfte kein Hinweis auf die Signifikanz von Borrelien-Biofilmen für die Humanmedizin, für Erkrankungen beim Menschen und insbesondere für Lyme-Borreliose enthalten sein. Wir wurden auch aufgefordert, jeden Hinweis zu eliminieren, der auf unsere Einstellung zur adäquaten Behandlung von Lyme-Borreliose und verwandte Borrelien-Infektionen hindeuten könnte, schreibt der Pathologe.

Keiner der drei Reviewer war IDSA-ausgerichtet. Alle Reviewer waren, soweit wir das sagen können, europäische Mikrobiologen, mit spezieller Kenntnis und Erfahrung zum Thema Biofilm-Biologie von Mikroben (keine Borrelien!).

Das heikle Problem bei Biofilmen ist, dass infektiöse Biofilme immer (!) einen Marker für eine chronische Infektion darstellen.

Wenn man Borrelien-Biofilme akademisch nun durch die Sapi-Veröffentlichung respektieren würde, lieferte man auch die konzeptionelle Verbindung (durch mikroskopische Strukturen) und den Umsturz aller Vorbehalte zur Unmöglichkeit einer chronischen Borreliose als bestätigte Entität.

Chronische Lyme-Borreliose war zu der Zeit und ist 2013 immer noch eine umstrittene Sache.

Wir stellten Fragen,schreibt MacDonald. “Gibt es Borrelien-Biofilme in lebenden Organismen oder sind Borrelien-Biofilme nur eine Merkwürdigkeit in Reagenzgläsern?”

Zwei Wochen nach er PLOS ONE-Veröffentlichung des Sapi-Artikels, verkündete die Sapi-Gruppe, ja, man habe Borrelien-Biofilme in einer humanen Hautbiopsie eines europäischen Borreliose-Patienten (kutane Borreliose) festgestellt.

Die Sapi-Gruppe untersuchte auch Zeckendärme, um zu sehen, ob es dort Borrelien-Biofilme in lebenden Zecken gibt. Auch diese Arbeit führte zu einer Änderung des Denkmodells.

MacDonald verkündete, dass die Ablagerungen beim Morbus Alzheimer Biofilme bilden. Das sei so chronisch und mit der Erkrankung verbunden und krankheitsproduzierend im menschlichen Körper, wie es sich ein Biofilm-Experte nur wünschen könne.

Wie greifen wir Biofilme an und eliminieren sie? Weitere schwierige Fragen …

Biofilme, so MacDonald, sind Gemeinschaften, eine Art Festung, mit der jede Attacke überlebt werden kann, einschließlich intravenös verabreichter hochdosierter antibiotischer Langzeitbehandlungen. Die antibiotische Therapie sei damit nicht das Allheilmittel, um die Biofilme einer Mikrobe zu eliminieren.

Bevor Dr. Bill Costerton 2012 an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, gab er ein Interview, in dem er viele Dinge in Bezug auf Biofilme diskutierte. Costerton ist Autor vieler peer-reviewed Artikel über Biofilme verschiedenster Mikroben.

Eine der Ideen, die er vorstellte, war das Konzept der Ultraschallenergie, die – korrekt im Reagenzglas angewendet – Biofilme “aufbricht” und sie für die antibiotische Therapie angreifbar macht.

Das ist nicht nur eine ungefähre neue Richtung, schreibt MacDonald; Costerton hat uns damit eine achtspurige Autobahn gebaut.

Nachtrag: Im Lancet Infectious Disease Journal 2013:13:(8):719-724 wird ein Manuskript diskutiert, in dem es um den Zusammenhang zwischen Krebs und dem Bakterium Streptococcus gallolyticus geht. Strep Gallolyticus bildet Biofilme, die in hohem Maße mit den Oberflächen bösartiger Tumore im menschlichen Dickdarm assoziiert sind. Einige dieser Strep gallo-Biofilm-Gemeinschaften machen sich auf in die Blutbahn, wo sie unter anderem die menschlichen Herzklappen infizieren und eine bakterielle Endokarditis vom Strep gallo-Typ auslösen (früher: Strep bovis endocarditis).

Die Endokarditis ist und war schon immer eine Biofilm-Infektion der menschlichen Herzklappen.

Biofilm-Infektionen sind immer chronische Infektionen.

B. Jürschik-Busbach © 2013

Alle Artikel dieses Blogs können gerne zu nicht-kommerziellen Zwecken unter Angabe der Quelle/Autorin und dem Original-Link verbreitet werden.

 

 

8 Kommentare zu Borreliose und Biofilme. Das nächste Kapitel in dieser verhängnisvollen Affäre …

  1. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Nachtrag für alle, die das Interview mit dem Biofilm-Experten (englisch) nicht verstehen können:

    Etwa 80% aller Infektionen weltweit sollen durch Biofilme bedingt sein – also durch bakterielle Kolonien,die sich von der planktonischen Lebensweise phänotypisch und funktionell radikal unterscheiden.

    Der Zusammenschluss von Bakterien in einem Biofilm macht sie resistent gegen ungünstige äussere Einflüsse. „Wir finden Biofilme in den heißen Schwefelquellen des Yellowstone-Nationalparks ebenso wie in den Gletschern der Antarktis“, illustriert Prof. Dr. A. Trampuz, von der Universitätsklinik Lausanne über Epidemiologie, Pathogenese, Diagnostik und Therapie des Biofilms. Biofilme haben mehrere Charakteristika: Sie besitzen ein primitives endokrines Kommunikationssystem und eine primitive Zirkulation. Die Bakterien im Biofilm exprimieren einen anderen Phänotyp als planktonische Bakterien und befinden sich – abhängig von ihrer Lokalisation im Biofilm – in unterschiedlichen metabolischen Zuständen. Sogenannte Persister-Zellen können in einem sporen­artigen Zustand überleben und später unter günstigeren Bedingungen neue Biofilme ausbilden.

    „Diese metabolische Inaktivität ist aber ein grosses Problem für uns, denn die meisten Antibiotika, die wir heute ha­ben, wirken auf metabolisch aktive, nicht aber auf metabolisch inaktive Bakterien“, betont Trampuz. „Bei der Diagnostik und Behandlung von Biofilm-Infektionen ist unbedingt ein interdisziplinäres Vorgehen zu wählen, da nur die Kombination von mikrobiologischer, klinisch-infektiologischer und chirurgischer Expertise zum Ziel führt“, fordert Trampuz.

    Diagnose:
    „Das Problem ist ja, dass unsere Diagnostik meist zu spät kommt, weil ein Biofilm in der Regel erst diagnostizierbar wird, wenn er reif ist und beginnt, Bakterien nach außen abzugeben“, erklärt der Infektiologe.”

    Therapie:
    Was die Wahl des Antibiotikums betrifft, räumt Trampuz mit weiteren Irrtümern auf: „Die Einteilung in bakterizide und bakteriostatische Antibiotika, wie wir sie alle kennen, gilt nur für planktonische Bakterien. Für den Biofilm sind alle heute bekannten Antibiotika, mit zwei Ausnahmen, nur bakteriostatisch wirksam. Diese beiden Ausnahmen sind Rifampicin, das vor allem gegen Staphylokokken wirkt, und Ciprofloxacin gegen gramnegative Erreger.“

    Die Erklärung für den Sonderstatus von Rifampicin liegt in seinem Wirkmechanismus: Im Gegensatz zu anderen Anti­biotika wirkt Rifampicin auf die Proteinsynthese der Bakterien und damit auch auf weniger aktive Erreger. Zudem zeigt es in vitro niedrige minimale MHK- und MBK-Werte. „Eine Kombinationstherapie dient im Fall von Rifampicin nicht so sehr der Steigerung der Effizienz gegen grampositive Biofilme per se, sondern vielmehr der Verhinderung von Resistenzentwicklungen gegen Rifampicin“, erklärt Trampuz. In Tiermodellen wurden die höchs­ten Heilungsraten von MRSA-Biofilmen – nämlich 100% bei 0% Rifampicin-Resistenzen – mit einer Kombination von Rifampicin mit hoch dosiertem Daptomycin erzielt, während mit Daptomycin allein keinerlei Wirkung gegen den MRSA-Biofilm zu erzielen war. Mit Rifampicin alleine betrug die Heilungsrate 33%, die Resistenzrate 25%.[2] „Rifampicin als Biofilm-Antibiotikum muss also immer in Kombination mit einem zweiten Antibiotikum gegeben werden“, sagt Trampuz.

    Weitere Infos auch hier: http://www.wundheilung.net/News/2005/Biofilm_Wundheilung.pdf

    Bei Implantaten arbeitet man bereits mit Ultraschall, um Biofilme “zu knacken”:
    http://www.bactosonic.com/bedeutungundwirkprinzipdersonikation/index.html

  2. chris meint:

    Hervorragender Beitrag. Wie schafft man es solche Beiträge einem noch breiterem Publikum zu präsentieren.

  3. Klaus Brutsch meint:

    Leider bleibt die mehrzahl der Neurologen Ignorant warscheinlich fürchten sie um Ihre Existenz.

  4. Bonin Petra meint:

    Du bist ein Schatz!
    DANKE für Deine unermüdliche Arbeit!

    Irgendwann, ich hoffe in baldiger Zukunft, werden auch die ignorantesten Neurologen vom wissenschaftlichen Fortschritt überrollt.
    Ich bin überzeugt, viele von ihnen wissen schon mehr, aber das System und ihre Eitelkeiten behindern ihre eigentlich ärztlichen Pflichten.
    Es ist ihnen nicht im Entferntesten bewusst, wie viel Leid sie ihren Patienten antun.

  5. Alice Hulscher meint:

    Liebe Birgit,
    wieder hast du es Geschaft es genau auf den Punkt zu bringen.Es bleibt mir nur eines … eine tiefe Verbeugung und Chapeau fuer die hervorragender Beitrag.

  6. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Vielen Dank :-)

  7. Pingback: erst mal kein Antibiotikum mehr | Borreliose und andere Alltäglichkeiten

  8. Thomas H. meint:

    Liebe Birgit, ein herzliches Danke schön!

Kommentieren?

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Folgende HTML-Tags können benutzt werden: <a href=""> <abbr title=""> <blockquote cite=""> <cite> <code> <em> <q cite=""> <strike> <strong>