Borreliose: Leitlinien fehlerhaft? Interessante, neue biostatistische Analyse aus den USA

Die Bio-Statistikerin Allison DeLong unterzog jene Studien einer erneuten statistische Überprüfung, die immer wieder als “Beweis” herangezogen werden, um zu zeigen, dass eine erneute antibiotische Behandlung der chronischen Borreliose zwecklos sei. Diese Schlussfolgerung lässt die statistische Analyse allerdings fraglich erscheinen.

Fragwürdige Schlussfolgerungen und Missverständnisse haben zu medizinischen Leitlinien geführt, in denen sich gegen eine antibiotische Nachbehandlung ausgesprochen wird und Versicherungen decken eine Nachbehandlung ebenfalls nicht ab. Sorgfältiges Lesen der Studien und Daten zeige, dass nichts bewiesen wird, schreiben die Autoren der statistischen Analyse.

Borreliose Studien und falsche Schlussfolgerungen

Die meisten Ärzte behandeln Lyme-Borreliose mit Antibiotika nur für maximal zwei bis vier Wochen; bestehen die Symptome fort, wird in medizinischen Leitlinien empfohlen, nicht mehr antibiotisch nachzubehandeln. Diese Empfehlung sollte mit Vorsicht betrachtet werden. Eine neue veröffentlichte statistische Überprüfung der vier Studien, auf denen diese Leitlinien basieren, zeigt, dass diese hinsichtlich Studiendesign, Analyse und Interpretation Mängel aufweisen, was die Stärke des Nachweises (der Evidenz) “gegen eine erneute antibiotische Therapie” mehr als fraglich macht.

Alle vier US-Borreliose Studien beweisen nicht, dass eine antibiotische Nachbehandlung nicht effektiv ist

Allison DeLong, Biostatistikerin an der Brown University, Center for Statistical Sciences, und führende Autorin der Studie, die am 19. August 2012 online in Contemporary Clinical Trials veröffentlicht wurde, schreibt, die vier Studien beweisen nicht, dass eine Nachbehandlung nicht wirkt. Die fragwürdige Interpretation hat jedoch dazu geführt, dass Ärzte die Behandlung nicht fortführen und dass Versicherungen die Erstattung solcher Behandlungskosten verweigern.

Ein Mangel an Evidenz sollte nicht dazu führen, dass die Behandlung verweigert wird, wenn die Studien gravierende Mängel aufweisen

“Das Ziel der Arbeit ist es, zu klären, was tatsächlich aus diesen klinischen Studien geschlossen werden kann; was gesagt werden kann und was nicht”, sagt DeLong. “Ein Mangel an Evidenz sollte nicht dazu führen, dass die Behandlung verweigert wird, wenn die Studien gravierende Mängel aufweisen.”

Die Beweise in den Studien sind häufig nicht eindeutig, fanden sie und drei Co-Autoren heraus. Zwei Studien weisen sogar einige statistisch signifikante Vorteile für eine antibiotische Therapie auf.

Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt sich DeLong mit dem Thema Borreliose-Nachbehandlung. Einer ihrer Freunde schien von einer erneuten Therapie zu profitieren. Ihr Freund musste die Behandlung aus eigener Tasche bezahlen. Statistiker nennen dies “n von 1″, etwas, dass man in der Medizin eine Anekdote nennt, ein nicht überprüfbarer “Einzelfall”. Doch dieses Beispiel verfolgte DeLong, weil immer mehr Menschen, insbesondere Journalisten sich fragten, ob eine Nachbehandlung wirklich unwirksam sei.

2009 und 2010 beschlossen DeLong und ihre Kollegen sich die Sache unter strengen statistischen Kriterien anzusehen. Zunächst suchten sie in der medizinischen Literatur nach jeder randomisierten klinischen Studie, die einen Nachweis über die Wirksamkeit antibiotischer Behandlung bei Lyme-Borreliose aufwies. Die sorgfältige Überprüfung von mehr als 100 Studien führten letztendlich zu den vier Studien, auf die sich die Infectious Diseases Society of America (IDSA) und die American Academy of Neurology stützen.

Die einflussreichsten Studien wurden von Klempner et al. 2001 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. In den multizentrischen Studien waren Patienten mit chronischer Borreliose eingeschrieben (mit positiven oder negativen serologischen Ergebnissen auf Immunglobulin G, einem Antikörper, das auf eine aktive Infektion hinweisen könnte.) In jeder der IgG-positiven und -negativen Gruppen, Patienten erhielten entweder intravenös Antibiotika, gefolgt von oral verabreichten Antibiotika oder intravenösem Plazebo, gefolgt von oralen Plazebos. Ihre Symptome wurden anhand eines Lebensqualität-Fragebogens (SF 36 genannt) “gemessen”.

Die Klempner-Studien beweisen nichts?

Obwohl Klempner et al. keinen signifikanten Vorteil für eine Nachbehandlung fanden, zeigen Erkenntnisse aus weiteren SF-36-Studien bei chronischen Erkrankungen, dass man bei der Klempner Studie nach unrealistisch großen Unterschieden suchte. Siehe hierzu auch: http://www.verschwiegene-epidemie.de/2012/11/borreliose-studien-die-unterschiede-machen-den-unterschied/

“So, wie die Versuche entworfen waren, verlangte man deutlich größere Behandlungseffekte als die minimalen, klinisch jedoch wichtigen Unterschiede (MCID), die bei anderen chronischen Erkrankungen identifiziert werden. Das wiederum deutet darauf hin, dass die Stichproben unzureichend waren und die Versuche sehr wahrscheinlich zu gering durchgeführt wurden, um die wahren zugrundeliegenden MCIDs entdecken zu können”, schreiben DeLong und ihre Co-Autoren in dem Fachblatt.

Klempners Statistiken zeigen, dass die Behandlung möglicherweise wirksam oder unwirksam gewesen ist, angesichts der Bandbreite eines statistischen Maßes, das als Konfidenzintervall bekannt ist, sagt DeLong.

Die Krupp Studie zeigt einen signifikanten Nutzen einer antibiotischen Nachbehandlung

In einer anderen der vier Studien, die von Krupp et al. durchgeführt wurden, fanden die Forscher einen signifikanten Nutzen der Nachbehandlung bei der schweren Erschöpfung, doch die Autoren zählten dieses Ergebnis aus Versehen nicht mit. Die Autoren der Studie waren besorgt, dass ihre Probanden bemerken würden, dass sie eine wirkliche Behandlung erhielten, anstelle der Plazebos und dass dadurch die Ergebnisse verdorben würden. Das Ausmaß der Erschöpfung ist subjektiv und könnte durch diese Erkenntnis beeinflusst werden. Aber DeLong stellt fest, dass die Personen wahrscheinlich gar nichts bemerkt haben, aus folgendem Grund: Wenn die Mitglieder jeder Gruppe eine blind-optimistische 7 zu 10 Chance haben, zu glauben, dass sie echte Medizin erhalten, dann würden die Menschen, 7 zu 10 mal richtig liegen und die Menschen, die das Placebo erhielten hätten nur 3 von 10 Mal recht. Die Menschen, die das Medikament erhalten, sehen so aus, als hätten sie ihren Status erkannt, aber in Wirklichkeit konnten sie nur eine glückliche, optimistische Vermutung haben.

Während die Krupp-Studie ausreichend stark war, um einen signifikanten Vorteil bei Erschöpfung zu messen, war sie zu schwach, um die beiden anderen Behandlungseffekte zu messen, die berücksichtigt wurden: Verbesserung der kognitiven Verarbeitung und Beseitigung eines potenziellen Borreliose-Biomarkers, sagt DeLong.

Die letzte der vier Studien, die von Fallon et al., verfügt nur über eine sehr kleine Stichprobe. Man fand Hinweise auf einige Vorteile der Nachbehandlung, aber nichts definitiv Positives oder Negatives.

Letztlich, so DeLong, wird der beste Beweis, um eine antibiotische Nachbehandlung zu stützen oder zu widerlegen, kommen, wenn Wissenschaftler einen definitiven Test für eine aktive Borreliose-Erkrankung entwickeln. In der Zwischenzeit ist es möglich, dass Patienten mit chronischer Borreliose eine anhaltende Infektion in sich tragen, die mit Antibiotika behandelt werden könnte.

“Die Interpretation der Studien geht zu weit”, sagt sie. “Man kann nicht sagen, dass die Studien gezeigt haben, dass eine Nachbehandlung nicht nützlich ist. Man kann dann nicht zur der Schlussfolgerung kommen, dass dies zeige, dass es keine persistierende Infektion ist.”

Übersetzt: B. Jürschik-Busbach © 2013

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Quelle: http://news.brown.edu/pressreleases/2012/08/lyme

 

Ein Kommentar zu Borreliose: Leitlinien fehlerhaft? Interessante, neue biostatistische Analyse aus den USA

  1. borrelia meint:

    Ein liebes Hallo

    einfach Super Ihr Text

    bin seit ca.2008 an chr.Borreliose erkrankt
    und werde mir jetzt das Buch von der Ärztin Frau Dr. Petra Hopf-Seidel kaufen um endlich Hilfe zu bekommen

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