Borreliose: Mythen, Verschwörungen, Manipulationen? Teil 5

In Teil 1 und Teil 2 dieser Serie sind wir der Frage nachgegangen, ob Borreliose eine Infektion ist, die als biologische Waffe während oder nach dem zweiten Weltkrieg vom deutschen Laborchef Traub experimentell entwickelt worden ist. In Teil 3 suchen wir Antworten auf die Frage, ob man auf der US-Insel Plum Island mit Zecken und Borrelien experimentierte. In Teil 4 kann man nachlesen, wer sich im Rahmen der B-Waffen-Forschung tatsächlich mit Zecken beschäftigt hat und ob es überhaupt Sinn macht, Borrelien als B-Waffe einzusetzen.

Heute kommen wir noch einmal auf amerikanische B-Waffen-Aktivitäten und auf den “Lab 257″-Autor Carroll zurück, sowie auf “Elena Cook” und ihrer Website “Lyme is a biowarfare issue”.

Die US-Biowaffen-Aktivitäten

1950 wurde das US-Biowaffenforschungszentrum Fort Detrick weiter  ausgebaut und eine weitere Forschungsanlage in Pine Bluff errichtet. Insbesondere der Koreakrieg beförderte die Biowaffenforschung der USA. Während des Vietnamkrieges im Jahre 1965 diskutierten die Amerikaner über den Einsatz von Pockenviren, da die eigenen Truppen geschützt waren. Doch aus Angst vor einem Gegenschlag wurde dieser Vorschlag abgelehnt. Auch während der Kubakrise, 1962, planten die Amerikaner eine Mischung verschiedener Erreger aus Flugzeugen über kubanischen Städten abzuwerfen. Der Plan wurde jedoch nie umgesetzt. 1965 wurde das Budget für B-Waffenforschung konstant verringert, bis 1969 der damalige Präsident Richard Nixon das B-Waffenprogramm ganz auflöste. Aufgrund dieser Erklärung wurden sämtliche B-Waffen, zumindest offiziell, vom Militär vernichtet. Die Forschungszentren wurden entweder umfunktioniert oder geschlossen. Die Vernichtung der Bestände soll bis 1972 gedauert haben. Kurz darauf trat die Biowaffenkonvention in Kraft.

Biowaffen – notwendig oder gefährliches Übel?

Wer grundsätzlich Biowaffenforschung für brandgefährlich hält, sei daran erinnert, dass sogenannte defensive B-Waffen-Forschung auch dem Schutz dient. Wie will man wirksame Schutzmaßnahmen (z. B. Impfungen) für die Bevölkerung entwickeln, wenn man keine Kenntnisse über potenzielle, biologische „Waffen“ besitzt? Platt gesagt: Wie will man die Bevölkerung vor Bazillen schützen, wenn man keine Ahnung von Bazillen hat? Wie will man sich defensiv gegen Bazillen verteidigen, wenn man nicht auch um die Einsatzmöglich-keiten dieser biologischen Kampfstoffe weiß? Das ist wohl die andere Seite der Medaille „Biowaffen-Forschung“.

Biowaffen-„Schutzforschung” liefert fast automatisch offensives Know-how, unabhängig davon, ob dies beabsichtigt ist oder nicht. Unter dem Deckmantel der völkerrechtlich erlaubten „Schutz-forschung“ können so natürlich auch verbotene offensive Forschungsarbeiten durchgeführt werden. Beiläufig soll in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass 1925 ein führender deutscher Bakteriologe, Geheimrat Otto, auf einer Konferenz der Sanitätsinspektion über “Die Verwendung von Krankheitskeimen als Kampfmittel im Kriege“, meinte, Pockenerreger seien theoretisch sicher eine sehr geeignete Waffe, sie seien aber “für die experimentelle Erzeugung von Massenerkrankungen ungeeignet, [...] weil wir gegen sie in der Schutzimpfung ein ausgezeichnetes Abwehrmittel besitzen”. Inzwischen sind aber die Pocken weltweit ausgerottet, und nur noch einige militärische Kontingente werden dagegen immunisiert. Deshalb schätzen Experten, dass heutzutage die Folgen einer Verbreitung der Pocken katastrophal wären.

Kommen wir noch einmal auf Carrolls Mutmaßungen und sein Buch “Lab 257″ zurück …

Für viele Aussagen bleibt Carroll leider Nachweise schuldig. Es werden Suggestivfragen gestellt, es werden Zusammenhänge vermutet, für die keine Belege zu finden sind und es wird im Übermaß der Konjunktiv bemüht … – könnte, hätte, würde.

Hier mal ein ganz “typischer Carroll”: Er schreibt, zwischen 1964 und 1965 sei in US-Bundesstaaten das MKS-Virus per Außenversuch versprüht worden, um herauszufinden, wieviele MKS-Viren man benötigt, um die Nahrungsversorgung zu zerstören. Traub, so raunt Carroll, könnte diese Tests überwacht haben. Als Leser ist man geneigt zu sagen: “Yes, so what?” Traub war schließlich Experte für die Maul- und Klauenseuche. Warum sollte er solche Tests nicht überwacht haben?

Carroll gibt in seinem Buch auch ein Interview mit Dr. Burgdorfer wieder. Leider schreibt Carroll immer „Wally“ Burgdorfer, statt „Willy“, aber wir wollen nicht kleinlich sein. Burgdorfer wird von Carroll so zitiert: „Die große Frage ist, woher stammen die Zecken?“ Burgdorfer, so Carroll, glaube, dass importiertes Rehwild aus Europa die Zeckenspezies einschließlich der Borrelien nach Amerika brachte, wo sie sich stark vermehrten. Dann fragt Carroll Burgdorfer, ob er eine Verbindung zwischen Borreliose und Plum Island sehe. Burgdorfer:„Das anzusprechen könnte eine Menge Probleme bescheren. (…) Sie müssten eine Entwicklung in den 1960ern und 1970ern aufzeigen und das scheint unmöglich zu sein.“

Carroll kommentiert: “Es sei denn, man hat die Zeckenspezies auf Plum Island kultiviert und sie unwissentlich an Tieren oder Menschen saugen lassen und damit Borrelia-Spirochäten wachsen lassen.” Anschließend räumt Carroll ein, Burgdorfer sei nicht bereit, diese Verbindung (zwischen Borreliose und Plum Island) zu bestätigen.

Auchdas will man gerne glauben, Burgdorfer scheint zu wissen, was er tut und sagt. Doch Carroll gibt sich nicht geschlagen und fragt wieder bei Burgdorfer nach. Schließlich antwortet dieser: “Plum Island zeigt, dass es Sicherheitslücken bei der biologischen Sicherheit gibt. Auch wenn Plum Island die höchste Sicherheitsstufe (Anmerkung: 4) besitzt, bedeutet es nicht, dass es sicher ist.”

Was sagt das aus? Nicht viel, oder? Diese Sätze Burgdorfers beschreiben ein allgemeines Sicherheitsrisiko, wie es sie für jedes Biowaffenlabor gibt. Carroll konstruiert und vermutet, lässte Belege vermissen, was er allerdings wirklich aufzeigen kann, ist die schockierende Nachlässigkeit im Hinblick auf die Laborsicherheit auf Plum Island.

Aus der Carroll-Mischung von unbelegten Behauptungen, Suggestivfragen und Konjunktiven einen wie auch immer gearteten Verdacht zu konstruieren, erst auf Plum Island seien Borrelien als Biowaffe herangezüchtet worden und seitdem gäbe es Lyme-Borreliose in den USA ist de facto eine überaus steile These.

Was hat es dagegen mit Untersuchungen von Luft et al. auf sich, die feststellen, dass nur vier Borrelienklone die systemische Infektion auslösen, während 16 Borrelienstämme lediglich eine Wanderröte verursachen? Gerade diese vier stark pathogenen Stämme hätten sich in Europa und den USA am stärksten vermehrt, schreiben die Forscher. Wäre das nicht eine Erklärung für die stete Zunahme an Borreliose-Infektionen, auch in den USA?

Carroll zitiert im Weiteren „eine Quelle“, die in den 1950ern auf Plum Island gearbeitet haben soll: „Sie nannten ihn den Nazi-Wissenschaftler, als sie 1951 kamen und sie brachten diese Zecken mit und ich sah ein Foto, auf dem waren Tierhändler. Sie zeigen auf Plum Island, wo sie die Zecken freiließen.“ Zecken, die aus Flugzeugen auf das Land herabregnen sollten? Carroll bleibt vage und fragt: „1990 gab es am östlichen Ende von Long Island die höchste Inzidenz für Lyme-Borreliose im ganzen Land. Doch warum?“

Würde man in Deutschland Untersuchungen zur Inzidenz der Lyme-Borreliose durchführen und Bayern hätte beispielsweise den Borreliose-Spitzenplatz, würde ein typischer Carroll-Satz wohl so lauten: Im Jahr xy gab es die höchste Borreliose-Inzidenz in Bayern. Doch warum?

Carroll weiter: „Was in Old Lyme 1975 geschah, war der Ausbruch einer unbekannten Krankheit, die sich auf ein genau definiertes Gebiet erstreckte und 39 Kinder sowie 11 Erwachsene infizierte. Es war eine bescheidene Epidemie (…).“ In den späten 1940ern hätten Wissenschaftler Borrelia burgdorferi in Zecken isoliert, die auf den nahegelegenen Shelter Island und Long Island lebten, schreibt er. Und das sei für ihn ein Beweis, dass diese Entdeckung genau mit der Einreise von Traub nach Amerika zusammenfällt. An dieser Stelle musste ich mich zwingen, weiter zu lesen. Ganz ehrlich.

Plum Island und Lyme-Borreliose?

Da nützt es auch nichts, dass der frühere Plum Island Direktor, Dr. Jerry Callis, die Verbindung zwischen Plum Island und Lyme-Borreliose als absurd bezeichnet, weil es Borreliose bereits vorher in Europa gab. „Auf Plum Island wurde mit Zecken experimentiert, sagt er, doch niemals außerhalb der Labore. Wir hatten eine Zeckenkolonie, um zu sehen, wie viele Generationen sie überleben, bis diese Kolonie aufgelöst wurde.“

Desweiteren kursieren Behauptungen im Internet wie: „Von Plum Island haben sich die Borrelien seither rasch in den USA ausgebreitet. Über die Army kamen sie nach Europa. Es ist davon auszugehen, dass sich die genetisch veränderten Stämme mit den heimischen verbunden haben“: http://www.caduceum.de/69.html Dann könntge die Eismumie Ötzi wohl von Glück sagen, dass sie offenbar nur mit dem heimischen Borrelienstamm infiziert war. http://ngm.nationalgeographic.com/2011/11/iceman-autopsy/hall-text

Im Verlauf des Buchs geht es bei Carroll noch munter um Anthrax, um das afrikanische Schweinefieber-Virus, um das Westnil-Virus und darum, dass die kubanische Regierung die USA beschuldigte, nach Ausbrüchen von Infektionskrankheiten zwischen 1964 und 1997 zehn Biowaffen-Angriffe auf Kuba durchgeführt zu haben.

Fazit

Gegenüber Associated Press (AP) muss Carroll in einem Interview einräumen, dass er keinen Beweis für seine Konstruktionen und Thesen hat. „Jedes Nachforschen sollte die Punkte miteinander verbinden“, sagt er gegenüber AP. Doch seit de tun es ihm leider viele nach: https://sites.google.com/site/jerryleonard999/home

Carrolls Suggestivfragen, die fragwürdigen Verbindungen, mit denen er die „Punkte“ zu verbinden sucht, flankiert von mangelnden Nachweisen hinterlässt leider nicht nur bei Associated Press einen schalen Nachgeschmack. In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit Elena Cooks Website “Lyme Disease is a biowarfare issue”. Was meint sie herausgefunden zu haben? Warum glaubt sie so vehement an Borreliose als biologische Kriegswaffe?

B. Jürschik-Busbach © 2012
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Ein Kommentar zu Borreliose: Mythen, Verschwörungen, Manipulationen? Teil 5

  1. Gunnar Torbohm meint:

    Ich unterscheide grundsätzlich gern zwischen Vermutungen und belegbaren Tatsachen. Deshalb teile ich auch grundsätzlich die Vermutung dass das Phänomen der Borreliose in den USA nichts mit Plum Island zu tun hat. Bis zu einer weiteren Aufklärung bleiben aber mindestens zwei Tatsachen die sehr ernste Fragen aufwerfen.

    1. Nach dem Schulbesuch studierte Burgdorfer ab 1944 an der Universität Basel und promovierte dort 1952 über die Übertragung des Zeckenrückfallfiebers durch Lederzecken.

    2. Die Verteilungshäufigkeit von Lyme in den USA gesammelt und veröffentlicht vom CDC.
    http://www.troop14.info/documents/ReportedCasesofLymeDisease_2011.pdf
    Vergleicht man die Karten der Vorjahre mit dem heutigen Stand, dann erscheint die fragliche Region im Zentrum einer epidemischen Verbreitung der Fälle.

    Qualifizierte Schlüsse aus diesen Tatsachen sollte der interessierte Leihe ohnehin besser einem Staatlich qualifizierten Biowaffen-Experten überlassen. Staatliche Quellen stehen bekanntlich immer für bestmögliche Aufklärung der Bevölkerung und die Verlässlichkeit der Quellen
    G. Torbohm

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