Borreliose: Mythen, Verschwörungen, Manipulationen? Teil 4

Manche glauben, Borreliose sei eine Infektion, die als biologische Waffe während oder nach dem zweiten Weltkrieg vom deutschen Laborchef Traub experimentell entwickelt wurde – siehe Teil 1 und Teil 2. Des Weiteren wird immer wieder verbreitet, Borrelien seien als “Bio-Waffen“ in einem Biowaffenlabor auf Plum Island entwickelt worden und viele fragen sich, wurde dort mit Zecken experimentiert? Antworten gibt es unter anderem in Teil 3. Festzuhalten ist: In Nazi-Deutschland beschäftigte man sich vorrangig mit Anthrax und dem Pest-Erreger als B-Waffen, nicht mit Zecken und Spirochäten.

Kommen wir zu der spannenden Frage, macht es überhaupt Sinn, Borrelien als B-Waffe zu nutzen?

Die US-Seuchenbehörde Centers for Disease Control and Prevention unterteilt biologische Kampfstoffe nach Verfügbarkeit, Sterblichkeitsrate, Ansteckungsgefahr und Behandlungsmöglichkeit bzw. nach Kategorie A, B und C.

Zur Kategorie A zählen Erkrankungen die ein Problem für die Sicherheit von Staaten darstellen, leicht verbreitet beziehungsweise übertragen werden können und eine hohe Sterblichkeitsrate besitzen. Zu diesen Erkrankungen zählen Pocken, Pest und Milzbrand wie auch die Vergiftung mit Botulinumtoxin und die hämorrhagischen Fieber. Zu diesen Krankheiten gehört also nicht die Lyme-Borreliose.

Erreger der Kategorie B sind relativ leicht zu verbreiten, haben eine mittlere Letalitätsrate und können leicht eingedämmt bzw.  überwacht werden. Coxiella burnetii (Q-Fieber), Brucellen oder Burkholderia mallei (Rotz) zählen zu dieser Gruppe. Borrelien sind nicht leicht zu verbreiten und weisen wohl kaum eine “mittlere Letalitätsrate” auf.

Zur Kategorie C gehören entweder Kampfstoffe die sehr leicht verfügbar sind bzw.leicht erworben werden können, jedoch eine geringe Letalitätsrate besitzen oder Erreger, die zwar über eine hohe Letalitätsrate verfügen, sich jedoch entweder schwer übertragen lassen oder kaum verfügbar sind. Aber auch Erreger, die zwar gefährlich sind, jedoch einfach behandelt werden können. Unter diese Kategorie fallen beispielsweise das Gelbfieber-Virus oder multiresistente Mycobacterien (Tuberkulose).

1942 wurde in Deutschland jegliche biologische Offensivforschung verboten und man widmete sich stattdessen der defensiven Biowaffenforschung. Unter Blome wurde die „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“ gegründet, um Abwehrmaßnahmen gegen Biowaffen zu entwickeln. Darüber hinaus war Blome ab 1942 auch für den Aufbau des Zentralinstituts für Krebsforschung in Nesselstedt bei Posen verantwortlich, das neben der Krebsforschung von Beginn an auch für Arbeiten zu Biowaffen vorgesehen war, wie bei Wikipedia nachzulesen ist. Die zur Abwehr von Biowaffen vorgesehenen oft noch unreifen Impfstoffe wurden häufig an KZ-Häftlingen getestet. Hinter Hitlers Rücken wurde auch für die offensive B-Kriegsführung geforscht. Denn für gegebenenfalls erforderliche Abwehrmaßnahmen mussten die Erreger auch erzeugt und getestet werden. Insbesondere Heinrich Himmler war ein großer Befürworter der B-Waffen. So unterstützte er zum Beispiel einen Vorschlag Kliewes, Lebensmittel, die ungekocht gegessen werden, gezielt mit Bakterien zu verseuchen.

Versuche mit Zecken – die Einheit 731

Als letzte Großmacht starteten die USA ihr Biowaffenprogramm im Zweiten Weltkrieg. Erst 1941 beauftragte der damalige US-Kriegsminister, die National Academy of Sciences damit, an der Abwehr biologischer Waffen zu forschen. Doch dieses Unternehmen war viel zu klein für ernsthafte biologische Waffenforschung. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor wurde daher das Kriegsministerium damit beauftragt, biologische Waffen zu entwickeln.

1943 stellte Amerika erstmals Botulinumtoxin, Milzbranderreger und Brucellen her, mehrere weitere Erreger wurden auf ihre Tauglichkeit als B-Waffe überprüft und bei Kriegsende ließ man sich „den Spaß“ bereits 60 Millionen US-Dollar kosten. Auch hier: Von Borrelien ist nichts zu lesen und zu finden.

1946 machte das amerikanische Kriegsministerium es offizell, ja, man forsche an der Entwicklung von Biowaffen. Den Militärs waren Aufzeichnungen des Leiters der japanischen Einheit 731, Shirō Ishii, in die Hände gefallen – sie wurden zur Forschungsgrundlage.

Diese Einheit 731 kann einen wirklich das Fürchten lehren. Die Japaner experimentierten an lebenden Menschen, töteten ungerührt tausende von koreanischen und chinesischen Zivilisten, sowie amerikanische, britische und sowjetische Kriegsgefangene.

Nicht die USA, nicht Deutschland, sondern das japanische Kaiserreich war weit fortgeschritten was Experimente und die Entwicklung von Biowaffen betraf. 1932 hatte man in Japan die berüchtigte Einheit 731 gegründet, die von Anfang an Experimente an lebenden Menschen durchführte. Allein von der Einheit 731 wurden etwa 3500 Menschen meistens bei Vivisektionen und vollem Bewusstsein getötet. Regelmäßig testete die japanische Armee ihre Kampfstoffe außerhalb der Labore. Flugzeuge warfen pestinfizierte Fliegen über Ningbo im östlichen China ab und über Changde (Zentralchina) – später wurde dort prompt über Pestausbrüche berichtet.

Damit nicht genug. Japanische Truppen ließen cholera- und typhusverseuchte Kulturen in Quellen und Teichen fallen, blöd nur, dass davon auch die eigenen Soldaten erkrankten, die in den verseuchten Gebieten kämpften. Der US-Historiker Harris schätzt, dass mehr als 200.000 Chinesen bei den japanischen „Feldversuchen“ ums Leben kamen. Am Ende des Kriegs ließen die Japaner auch die pestinfizierten Tiere frei, was zu mehr als 30.000 Toten in der Harbin-Gegend führte. 1941 ließen die Japaner 3000 chinesische Kriegsgefangene frei, zuvor hatte man sie sorgfältig mit Typhus infiziert, was  in der chinesischen Bevölkerung eine Epidemie auslöste.

Der Name Einheit 731 wird heute stellvertretend für das gesamte Programm der japanischen Armee zur Herstellung biologischer Waffen verwendet, obwohl die Einheit nicht der einzige japanische Verband war, der biologische Waffen entwickelte.

Im Rahmen einer Vergeltungsaktion rückten Truppen der Einheit 731 in chinesische Provinzen ein und verseuchten das Trinkwasser mit Milzbranderregern, dieser Erreger wurde auch über den Städten abgeworfen und über Wohngebieten versprüht. Mehr als 250.000 Menschen sollen so den Tod gefunden haben. Später setzten die Japaner noch Cholera, Typhus, die Pest und Ruhr ein.

Wir wollen hier nicht weiter in die Tiefe gehen, nur soviel wird sicher klar: Pest-infizierte Flöhe, Cholera, Typhus, Anthrax, Milzbrand – das waren die Erreger bzw. Krankheiten, mit denen man sich im Rahmen der B-Waffen beschäftigte. Spirochäten? Bislang Fehlanzeige! Fortsetzung folgt …

B. Jürschik-Busbach © 2012
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