Borreliose: Mythen, Verschwörungen, Manipulationen? Teil 3

Manche glauben, Borreliose sei eine Infektion, die als biologische Waffe während oder nach dem zweiten Weltkrieg vom deutschen Laborchef Traub experimentell entwickelt wurde. Des Weiteren wird die Theorie verbreitet, Borrelien seien als “Bio-Waffen“ in einem Biowaffenlabor auf Plum Island entwickelt worden. Wurde dort mit Zecken experimentiert? Wer den Anfang der Serie nachlesen möchte: Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2.

Fakt ist: In Fort Terry auf Plum Island hatte man von 1944 bis 1946 mit Brucellose als Biowaffe gearbeitet. Nach dem Krieg, wurde in Pine Bluff und auf Fort Detrick weiter „geforscht“. Ab 1949 arbeitete man auf Plum Island an der Maul- und Klauenseuche (MKS), an Rinderpest, am Newcastle Disease Virus, am Afrikanischen Schweinefieber sowie an der Pest und an Malaria bei Vögeln. Der Wissenschaftler Traub selbst war Spezialist für MKS, Rinderpest und die Newcastle Krankheit.

B-Waffen-Experimente mit Zecken als Vektoren?

B-Waffen-Experimente mit Zecken? Ja, die gab es! In Fort Detrick! Auf Plum Island sind sie dagegen nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Fort Detrick ist in den 1950er Jahren der viel spannendere Kandidat für diese Experimente.

Traub besuchte übrigens auch die Kollegen in Fort Detrick, ohne dass man daraus eine Geschichte stricken kann à la “Traub habe dort zu Zecken als Vektoren beraten”. Nein, die Wissenschaftler in Fort Detrick hatten viel mehr Fragen zu Viren als B-Waffe und dazu konnte Traub als Virologe eben etwas beitragen.

Die Abteilung “Entomologische Waffen”

Es war im Jahr 1942 als US-Präsident Roosevelt und Kriegsminister Stimson das Amerikanische Biowaffenprogramm ins Leben riefen – Hauptquartier wurde Fort Detrick, das sich schließlich zu einer Riesenanlage mit 245 Gebäuden und einem 60 Millionen Dollar Budget, entwickelte, einschließlich einer Abteilung „Entomologische Waffen“, die massenhaft Fliegen, Läuse und Mücken als Vektoren produzierte. Die Britische Biowaffenanlage bei Porton Down experimentierte ebenfalls mit Insekten als Vektoren, auch wenn man sich dort ansonsten auf die Produktion von Anthrax konzentrierte.

In Fort Detrick arbeiteten Japaner aus der berüchtigten Unit 731 mit verschiedenen Vektoren, einschließlich Läuse, Fliegen, Mücken, Zecken, Flöhe, Spinnen und Käfer und man experimentierte mit verschiedenen Krankheiten – von der Cholera bis zur Meningitis. Um 1950 soll man auf Fort Detrick mindestens drei Insekten-Vektoren-Biowaffen in petto gehabt haben. Einige wurde später in Utah, auf den Dugway Proving Grounds getestet und im Korea-Krieg eingesetzt.

Tausende Open-Air-Tests mit chemischen und biologischen Stoffen?

Im September 1994 veröffentlichte das US General Accounting Office einen Bericht, in dem man zugab, über Jahrzehnte hinweg verschiedene chemische und biologische Stoffe getestet zu haben. Von 1951 bis 1969 wurden hunderte, vielleicht sogar tausende Open-Air-Tests mit Bakterien und Viren durchgeführt, die Krankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen verursachen. Bis heute ist nicht bekannt, wie viele Menschen in der Umgebung von Dugway den potenziell schädlichen Erregern der Open-Air-Tests ausgesetzt gewesen waren. Doch nirgendwo ist von Lyme-Borreliose bzw. Borrelien die Rede.

Damit nicht genug: Intensiv testete man verschiedene Herbizide, bis man schließlich fünf standardisierte einsatzbereit hatte. Eines davon gelangte zu tragischer Berühmtheit: Agent Orange, das die USA im Vietnamkrieg einsetzte. In seiner Reinform hatte man das Gift ausgiebig in Fort Detrick getestet. Im Januar 1965 setzten die US-Streitkräfte es erstmals im Rahmen der Operation “Ranch Hand” ein; man wollte den Vietcong die Tarnung im dichten Dschungel und ihre Nahrungsversorgung erschweren. Großflächig wurde Agent Orange von Flugzeugen und Hubschraubern versprüht. Da Agent Orange mit dem Giftstoff 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD, bekannt als “Seveso-Gift/Dioxin”) verunreinigt war, erkrankten in Folge viele hunderttausend Bewohner der betroffenen Gebiete und bis zu zweihunderttausend US-Soldaten. Bis heute führt Agent Orange zu irreversiblen Gesundheitsschäden in der vietnamesischen Bevölkerung. Das Vietnamesische Rote Kreuz gab 2002 an, etwa 1 Million Vietnamesen litten noch an den Spätfolgen, wie Fehlbildungen, Krebs und Immunschwächen. Viele vietnamesische Neugeborene kommen auch drei Generationen nach dem Einsatz von Agent Orange noch mit schweren Fehlbildungen zur Welt.

Agent Orange

Nach neuesten Forschungen versprühte die US-Armee während des Vietnamkrieges 80 Millionen Liter toxischer Chemikalien. Weil der vietnamesischen Regierung das Geld für großflächige Boden-versiegelungen fehlt, ist das Gift auch 30 Jahre nach Kriegsende noch im Nahrungskreislauf. Eine Gruppe vietnamesischer Opfer hat gegen die amerikanischen Hersteller Klage eingereicht, die jedoch im März 2005 abgewiesen wurde. Nach Ansicht des Richters war der Einsatz von Agent Orange keine chemische Kriegsführung und deshalb kein Verstoß gegen internationales Recht.

Doch zurück zu Traub, zu Versuchen in Nazi-Deutschland und der Frage, macht es überhaupt Sinn, Borrelien als B-Waffe zu nutzen?

De facto war Nazi-Deutschland nur marginal mit biologischen Waffen beschäftigt. Erst 1940 wurde eine Forschungseinheit unter Leitung des Bakteriologen Kliewe eingesetzt. Die aber beschäftigten sich mit Anthrax und dem Pest-Erreger, nicht mit Zecken und Spirochäten. Das macht auch Sinn, wenn man sich ansieht, wie z. B. die US-Seuchenbehörde Centers for Disease Control and Prevention biologische Kampfstoffe unterteilen, nämlich nach Verfügbarkeit, Sterblichkeitsrate, Ansteckungsgefahr und Behandlungsmöglichkeit.
Fortsetzung folgt …

B. Jürschik-Busbach © 2012
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