Borreliose: Eine große gemeinsame Kraftanstrengung ist nötig … Gedanken eines Borreliose-Experten

Dr. Liegner, ein engagierter US-Borreliose-Experte hat seine Gedanken zu Papier gebracht. Gedanken, die ich hier kurz zusammengefasst und übersetzt habe:

Es brauchte rund 500 Jahre medizinische Wissenschaft, um zu einem guten Verständnis der Syphilis zu gelangen.

Wir beschäftigen uns seit 40 Jahren mit Lyme-Borreliose, einer komplexen spirochätalen Infektion durch den Organismus, B. burgdorferi, der genetisch noch komplexer ist, als der clevere Treponema pallidum-Syphiliserreger.

Kürzlich berichteten Embers et al. in der Fachzeitschrift “PLoS ONE” über die Isolierung von lebensfähigen Spirochäten in Rhesusaffen, die mit Bb-Organismen infiziert und mit oralen und intravenösen Antibiotika behandelt worden waren. Antibiotika, mit denen Lyme-Borreliose auch beim Menschen behandelt wird. Die Antikörper-Reaktionen, die zunächst stark waren, schwanden und wurden bei einigen Tieren sogar negativ trotz fortdauernder Borreliose-Infektion. Ärzte, die Patienten mit Lyme-Borreliose behandeln, berichten über ähnliche Phänomene.

Borreliose-Spirochäten wurden auch aus dem Liquor meiner Patientin Vicki Logan an den Centers for Disease Control in Fort Collins, Colorado, im Jahr 1991 kultiviert, trotz vorheriger adäquater Behandlung, von der man glaubte, sie würde die Infektion ausheilen.

Die Lyme-Borreliose ist eine wahre, nicht falsche oder vermeintliche Epidemie und sie verbreitet sich weiterhin in der gesamten Bevölkerung. Dabei sind die New Yorker bei der Gesamtzahl der Fälle stärker von dieser durch Zecken übertragenen Geißel betroffen als jeder andere Bürger in den USA. Alle Schichten der Gesellschaft sind dadurch ernsthaft beeinträchtigt, einschließlich der Kinder.

Vielen Borreliose-Kranken entgleist ihr Leben. Im Laufe der Zeit und ohne richtige Behandlung verschlechtert sich der Zustand, was zu einer fortschreitenden Schwächung und Behinderung führen kann. Unfähig, zu arbeiten oder Steuern zahlen, müssen diese Menschen am Ende Invaliditätsrente beziehen. Ihre Krankheit ist eine finanzielle Belastung für sie selbst, für ihre Familien, für  private Krankenversicherer und für die Regierung.

Es ist im Interesse aller, innerhalb des Staates New York eine große Initiative für Lyme-Borreliose und andere durch Zecken übertragene Krankheiten zu starten. Ehrlichiose, Anaplasmose, und Babesiose (und wohl auch die durch Zecken übertragene Bartonellose) sind schwere gesundheitliche Bedrohungen für unsere Bürger.

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass man wirksame Mittel findet, um die Zeckenpopulation über weite geografische Areale zu kontrollieren.

Es ist entscheidend, ein zuverlässiges Nachweisverfahren zu entwickeln, das die “Borrelien-Last” quantifizieren kann und eine frühzeitige Diagnose ermöglicht und den Behandlungserfolg kontrollieren kann.

Wir könnten wirksamere Behandlungen für Lyme-Borreliose haben, als die derzeit verfügbaren. Obwohl Antibiotika gegenwärtig die effektivsten Behandlungsmittel zu sein scheinen, können sie keine Heilung garantieren. Andere innovativere Therapien müssen entwickelt werden, die zuverlässig die Infektion beseitigen, einschließlich der intra-zellulären und in anderen geschützten  Nischen aufzufindenden Borrelien.

Der Neuropathologe, Andrew Dwork, vom New York State Psychiatric Institute, könnte zusammen mit Dr. Brian Fallon (Columbia University Lyme and Tick-borne Diseases Research Center) die Speerspitze sein. In einem hochmodernen Labor nutzen sie notwendige spezielle pathologische Methoden für die Untersuchung der Lyme-Borreliose und anderer durch Zecken übertragener Infektionen im menschlichen Gewebe.

Die Finanzierung für ein solches “Manhattan Projekt” für zecken-übertragene Infektionen könnte durch öffentlich-private Partnerschaften, Stiftungen, öffentliche Zuwendungen und allgemeine Einnahmen erfolgen. Auf lange Sicht würde sich das rechnen.

Für die meisten Probleme gibt es Lösungen. Aber um diese Lösungen zu finden, müssen die Probleme zunächst als Problem anerkannt sein. Wenn wir einen Menschen auf den Mond bringen können, dann können wir auch die Probleme lösen, vor die uns Lyme-Borreliose und andere zeckenübertragene Infektionen stellen. Wir müssen nur den Willen dazu aufbringen!

B. Jürschik-Busbach © 2012

http://www.poughkeepsiejournal.com/article/20120822/OPINION04/308220005/

8 Kommentare zu Borreliose: Eine große gemeinsame Kraftanstrengung ist nötig … Gedanken eines Borreliose-Experten

  1. Dipl.-Biol. Claudia K. meint:

    Es ist völlig unglaublich, wie wenig diese teilweise sehr schwer verlaufende Erkrankung anerkannt wird! Erst vergangene Woche habe ich vom 27jährigen Sohn eines Bekannten gehört, der unter schwersten neurologischen Störungen leidet und völlig verzweifelt schon an Suizid denkt. Die Ärzte, zu denen sein Vater ihn gebracht hat, konnten ihm nicht helfen. An den Zeckenstich kann sich der junge Mann erinnern. Aber das hat niemand wirklich ernst genommen. Wann ändert sich das endlich? Wir brauchen endlich die verbesserten Nachweistest und Behandlungmethoden!

  2. Nun, nicht nur in New-Yorg ist die Borreliose schon längst zur Epidemie geworden.
    Hier im Süden Deutschlands ist die Lage der an chronischer Borreliose erkrankten sehr ernst.Trotzdem wird eine adäqute Therapie oft abgelehnt bzw. die Krankheit negiert.
    Der Grund ein negativer ELISA- Test — also keine Borreliose. Auch mein langjähriges Schicksal ist auf einen negativen ELISA zurückzuführen. Frau Dr. Hopf- Seidel erwähnte in einem Vortrag,daß im Spätstadium der Borreliose oft keine Antikörper( mehr ) zu finden sind.
    In meinem Fall bewahrheitete sich diese Vermutung,denn erst nach Therapie zeigte ein Western-Blot hochspezifische Banden ( z.B. p39 )und( P41) die chronische Borreliose.
    Doch auch in Deutschland sind die ungenauen Serologie- Tests sehr wohl bekannt.

    Hier ein Auszug eines Antwortbriefs der Landesregierung BW an die SHG Rems Murr:

    Das Sozialministerium setzt sich seit langem für die Einführung einer bundeseinheitlichen Meldepflicht für Borreliose ein,um eine bundeseinheitliche Vorgehensweise und die Vergleichbarkeit der erhobenen Daten zu gewährleitsten. Leider wurde dies bisher vom Bundesministerium für Gesundheit nicht aufgegriffen.Von der ursprünglich vorgeschlagenen Meldepflicht des Erregernachweises nach § 7 IfSG wurde jedoch zwischenzeitlich abgerückt,da es bis heute keinen serologischen Labornachweis gibt,der zwischen akuter und früher durchgemachter Erkrankung unterscheiden kann.
    Die Alternative stellt die Meldepflicht des klinischen Bildes durch den Arzt nach § 6 IfSG dar,die jedoch einen vergleichsweise hohen Aufwand für den Arzt bedeutet.

    Hoher Arztaufwand ?? Sollte etwa die Gesundheit der Bevölkerung am hohen Aufwand der Ärzte scheitern ???

  3. Pia meint:

    Solange die Ärztekammer ihre Verantwort, den Krankenkassen und deren Aufsichtsamt zuspielt ändert sich rein gar nichts.

    Welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen neu in den Leistungskatalog aufgenommen werden dürfen und welche nicht, entscheidet nicht der Staat, sondern der Gemeinsame Bundesausschuss ( G-Ba), ein Gremium der Selbstverwaltung unseres Gesundheitswesens, in dem auch Patientenvertreterinnen und – vertreter sind.

    Fakt ist, dass wir in die Chronifiezierung getrieben werden und kein Mensch im Gesundheitswesen dafür verantwortlich ist und dies wo unsere Beiträge für die Krankenkassen gesetzlich einbehalten werden.

  4. http://www.g-ba.de/institution/struktur/

    Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist eine juristische Person des öffentlichen Rechts und wird von den vier großen Spitzenorganisationen der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen gebildet: der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband. Neben diesen vier Trägerorganisationen sind Patientenvertreterinnen und Patientenvertreter antrags- jedoch nicht stimmberechtigt an allen Beratungen beteiligt.

  5. Thomas H. meint:

    In der Broschüre “Zeckenerkrankungen in Rheinland-Pfalz”, 4. Auflage, März 2012, Hrsg. Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz steht ganz klar und deutlich unter Punkt 2.4., Seite 20 geschrieben:
    Die Diagnose einer Borreliose stützt sich vorrangig auf die Krankheitssymptome, unterstützt durch Laboruntersuchungen. … Genrell gilt: Die Auswahl der Testverfahren und die Interpretation der Befunde sollte immer im Zusammenhang mit den Krankheitssymptomen gesehen werden und ärztlich besprochen werden. … Ein negativer Liqour schließt eine Borreliose nicht aus. … Die Borreliose ist in Rheinland-Pfalz und Deutschland die häufigste durch Zecken übertragene Erkrankung. … In einigen Fällen kommt es nach einer Borrelioseinfektion zu späteren Stadien, z.B. im Rahmen einer Neuroborreliose oder einer Gelenkbeteiligung.
    Wie konnte es dann nur geschehen, dass ich in Rheinland-Pfalz so chronisch erkrankte ?!?!?!
    Die frühere Hausärztin und die Neurologen in der stationären Neurologie hörten mir einfach nicht zu. Obwohl ich alles benannt habe, solche Schmerzen und Beeinträchtigungen kann es gar nicht geben.
    Trotzdem schnell ein Elisa mit negativem Ergebnis, dann ein Western-Blot mit angeblichem negativem Ergebnis und im Liquor ebenfso ein negatives Ergebnis. Das klinische Bild zählte einfach nicht – also die Diagnose einer undifferenzierten Somatisierungsstörung – da können laut bisher behandelten Ärzten können nur noch Psychiater und Psychologen helfen. Laut diesen Fachleuten: “Der Patient besteht auf apparative Untersuchungen und sucht die Gründe seiner Schmerzen vergeblich in körperlichen Ursachen. Der Patient zeigt sich therapieresistent, er will einfach das psychosomatische Störungsmodell nicht verstehen.” Da muss ein Gutachter her und der stellt mit hohem Fachwissen fest: “Der Patient hat wohl keinerlei psychische Erkrankungen, er schildert nur polytope in ihrer Qualität polymorphe Schmerzzustände.” Alle Schmerzen werden explizit im Gutachten aufgelistet. Doch der Gutachter kommt zu folgendem Ergebnis: Wahrscheinlich erlebte narzistische Kränkungen vor zig Jahren – und jetzt daraufhin möglicherweise die Entwicklung dieser Schmerzstörungen. Also spricht der Gutachter zu dem Mann: “Sie müssen einfach ´mal wieder lernen, richtig zu arbeiten, dann sind Sie abgelenkt und werden diese Schmerzen einfach vergessen.” Das steht auch so im Gutachten mit der Empfehlung:
    “Dabei könnten ihm wöchentliche Psychotherapietermine helfen und obendrein wäre dringend eine psychiatrisch-medikamentöse Unterstützung zu empfehlen.”
    Ein LTT sagte aber etwas anderes, und nach Anforderung der Krankenunterlagen von der stationären Neurologie ist heute im Western-Blot ein auffälliger Befund mit einem Gesamtergebnis “inkomplett reaktiv”, 41 kD positiv und einer hochspezifischen Bande 83 kD – von wegem klinischen Bild und zu hören. Eine weitere Blutprobe in 4-6 Wochen wird empfohlen.
    Ein hoher Arzteaufwand für die Psychosomatik, Schmerzmittel und Antidepressiva bringen Geld in die Schatulle,
    also keine Zeit für Patienten, denen man zuhören muss, die man ernst nehmen muss, die man untersuchen muss, die man rechtzeitig mit Antibiotika behandeln muss …

  6. Steffi meint:

    “Es brauchte rund 500 Jahre medizinische Wissenschaft, um zu einem guten Verständnis der Syphilis zu gelangen. Wir beschäftigen uns seit 40 Jahren mit Borreliose.”

    Na dann dauert es ja nur noch 460 Jahre, bis wir Borreliose verstehen.

    Sorry für den Zynismus. Aber es ist schwierig, an dieser Krankheit nicht zu verzweifeln.

  7. Birgit meint:

    .. Steffi, ich bin ganz bei Dir.

    Ich denke schon lange, dass ich es nicht mehr erleben werde, dass diese Krankheit in ihrer Komplexität verstanden wird.

    Aber zunächst wäre es ja schon gut, wenn man wenigstens wollen würde.

    LG
    Birgit

  8. Regi meint:

    Hoffen wir, dass es nicht 460 weitere Jahre braucht, um die Borreliose zu verstehen. Die Sterne dafür sollten gut stehen, denn die Technik in der Medizin ist heute doch etwas fortschrittlicher als vor hundert Jahren. Die grössere Herausforderung dürfte sein, die Meinungsführer zu einem Umdenken zu bringen. Solange verharmlost wird, besteht kein Interesse an Forschung. Solange die Laborgläubigkeit in indirekte Nachweisverfahren besteht, wird es keine brauchbaren Tests geben.

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