Borreliose – Zecken-Krieg jetzt auch in Deutschland?

Inzwischen gibt es leider zunehmende Indikatoren, die darauf hindeuten, dass der in den USA bereits seit Jahren tobende „Borreliose-Krieg“ einschließlich martialischer Rhetorik auch in Deutschland angekommen ist.

Ob Klimaerwärmung oder verändertes Freizeitverhalten – was auch immer als Erklärung dafür herhalten muss, dass es mehr Zecken und zunehmend auch neue Zeckenspezies in Deutschland gibt. Fakt ist, es gibt deutlich mehr Zecken in Deutschland als es noch vor 20 Jahren gab und es sind deutlich mehr dieser Spinnentiere mit Krankheitserregern wie Borrelien, Babesien, FSME oder Ehrlichien verseucht. Die Gefahr hat unbestreitbar zugenommen, was sich auch in einem entsprechenden Medienecho niederschlägt.

http://www.rp-online.de/gesundheit/medizin-und-vorsorge/borreliose-die-unterschaetzte-zeckeninfektion-1.2321426

http://www.focus.de/gesundheit/news/fsme-risiko-mehr-hirnhautentzuendungen-durch-zeckenbisse-in-deutschland_aid_759570.html

http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=3097827

http://www.welt.de/wissenschaft/article13541297/Immer-mehr-Zecken-in-staedtischen-Gruenanlagen.html

Eine beträchtliche Anzahl von Bundesbürgern wird durch zeckenübertragene Infektionen in ihrer Gesundheit beeinträchtigt. Infektionen, die alles andere als simpel sind. Und sie lösen häufig auch nicht nur kurze, akute Krankheiten aus, sondern langwierige  – ein Umstand, der immer wieder für Unsicherheit sorgt, sowohl bei Medizinern als auch in der Gesundheitspolitik.

Viele Menschen entwickeln chronische Borreliose-Symptome. Die durch das Spirochäten-Bakterium Borrelia burgdorferi s. l. verursachte Lyme-Borreliose ist – entgegen landläufiger Meinungen (wohlgemerkt „Meinungen“) – durchaus eine ernstzunehmende Infektion, die so manche Gemeinsamkeit mit der der Syphilis aufweist. Der Syphilis-Erreger ist ebenfalls ein Spirochäten-Bakterium und somit biologisch mit Borrelia burgdorferi „verwandt“.

Für Patienten, die an Borreliose erkrankt sind, ist es sehr schwer, manchmal sogar unmöglich, eine adäquate Diagnostik oder Behandlung zu erhalten. Sie müssen die Ignoranz der Gesundheitspolitik ausbaden, die noch nicht erkannt hat oder nicht erkennen will, welche gesundheitlichen Gefahren in steigendem Maße auf die Bevölkerung zukommen. Gerade weil die zunehmende Gesundheitsgefahr so hartnäckig ignoriert wird, gerade weil betroffene Patienten durch die medizinischen Netze fallen, haben sich Lobby- und Selbsthilfegruppen gebildet.

Kollektive Narkolepsie im Gesundheitsministerium?

Die Politik ist seit Jahren gefordert, endlich realitätsnahe Zahlen zur Prävalenz und Inzidenz der zeckenübertragenen Infektionen zu erheben, ein Expertentreffen am Robert Koch-Institut ergab, dass sowohl enormer Forschungsbedarf zu nahezu jedem Aspekt der Infektion besteht, als auch, dass man unter public-health-Gesichtspunkten die Lyme-Borreliose bislang vernachlässigt hat.

Borreliose-Therapiekonzepte fürs Frühstadium werden bei Patienten im Spätstadium angewendet

Das breite Symptomspektrum, das insbesondere die europäischen Borrelienspezies hervorrufen können, schließt nicht nur dermatologische oder arthritische Beschwerden ein. Neurologische und immunologische Dysfunktionen gehören ebenfalls dazu. Symptome, die häufig weder Patienten noch ihre behandelnden Ärzte einordnen können und die daher konsequent zu verspäteten Diagnosen und verspäteten Therapien oder zu Fehldiagnosen führen. Wir haben es viel häufiger mit Borreliose im Spätstadium zu tun, als es Mediziner und Politiker wahr haben wollen. Dennoch werden unverdrossen Therapiekonzepte für Borreliose im Frühstadium an Patienten mit Borreliose im Spätstadium angewendet. Nach Wochen setzt in diesen Fällen regelmäßig das große Wundern ein, weil die Patienten nicht gesunden wollen.

Da nach landläufiger Lehrmeinung Borreliose nicht chronisch wird, beginnt das große Rätseln, was denn nach ein paar Wochen vermeintlich ausreichender antibiotischer Therapie immer noch die Beschwerden verursachen mag. Allzu häufig muss dann die „Psyche“ und nicht infektionsmedizinische Ignoranz als Erklärung herhalten, oder der Patient wird auf einen Arzt-Marathon geschickt. Vielleicht haben ja andere Kollegen eine Idee, was mit dem Patienten los ist?

In den USA gibt es die medizinische Kontroverse um die adäquate Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose und der Ko-Infektionen bereits seit langem. Inzwischen ist Lyme-Borreliose dort die am schnellsten wachsende Infektionskrankheit und hat damit AIDS abgelöst. Wir in Deutschland sind ebenfalls auf dem besten Wege: Allein zwischen 2006 und 2008 wuchs beispielsweise die Zahl der in Deutschland gemeldeten Borreliosefälle um 100 Prozent (Borreliose ist nicht in allen Bundesländern meldepflichtig).

Und so kann es nicht wundern, dass von Seiten der Lobby- und Selbsthilfegruppen argumentiert wird, das wahre Ausmaß des Problems sei schlicht bislang nicht erkannt und bekannt. Untertherapierte oder falsch diagnostizierte Borreliosepatienten werden chronisch krank und dann mit „Fibromyalgie-Syndrom“, Chronisches Erschöpfungssyndrom“ oder „Multiple Sklerose“ etikettiert. Problem gelöst.

Eigenständiges Denken kontra “Mehrheitsmeinung”?

Das Robert Koch-Institut, das Bundesgesundheitsministerium und so mancher Mediziner, der sich der Einfachheit halber der Mehrheitsmeinung über diese Infektion anschließt, wollen offenbar das zentrale Problem nicht erkennen: Wir in Europa benötigen allein schon aufgrund der Andersartigkeit der Borrelienspezies eigene Forschungen zur Borreliose. Wir können nicht länger auf Studienergebnisse aus den USA schielen und uns auf das verlassen, was die amerikanische Gesellschaft für Infektionskrankheiten (IDSA) bei Borreliose als Standard definiert.

Sicher, Lyme-Borreliose ist in biologischer, medizinischer und sozialer Hinsicht komplex. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Patienten und so mancher lernbereite Mediziner fordern daher:

- Zuverlässige standardisierte Tests

- Studien über verschiedene Therapieansätze und die klinische Historie

- Studien über den Einfluss der Ko-Infektionen auf das Krankheitsgeschehen

- Adäquate präventive Maßnahmen (siehe Forschungsergebnisse der Baden-Württemberg Stiftung)

- Studien zur Chronifizierung der Lyme-Borreliose

Borreliose: IDSA-Standards, die die (europäische) Welt nicht braucht

Wir benötigen europäische Lösungen, die nicht auf US-Forschungen beruhen. Mit EUCALB-Leitlinien, die auf den US-Leitlinien basieren ist daher wenig anzufangen. Mit einem NRZ Borrelien, dem auch nach Jahren offenbar die Standardisierung und Zuverlässigkeit der Tests nicht gelingen will, dass auch nach Jahren nicht sagen kann, welche Tests überhaupt etwas taugen und welche nicht, ist ebenfalls nichts gewonnen.

Borreliose: Kontroverse aus Mangel an Beweisen …

Wir brauchen weder den US-amerikanischen Borreliose-Krieg, noch die kürzlich gesendeten TV-Dokus, in denen viel behauptet und nichts nachgewiesen wird. Was dringend her muss sind Nachweise, Evidenzen, sauber aufgesetzte qualitätsvolle Studien! Nur so kann diese unselige Kontroverse endlich ausgeräumt werden, die ja aus einem „Mangel an Beweisen“ erwachsen ist.

B. Jürschik-Busbach © 2012

3 Kommentare zu Borreliose – Zecken-Krieg jetzt auch in Deutschland?

  1. Jürgen meint:

    Wenn man sich in diversen Foren und Blogs umschaut, stellt man fest das immer mehr nach Borroliose gefragt wird. Ich denke auch man sollte das Thema sehr viel ernster nehmen, als bisher. Vor allem Ärzte sollten sich mehr mit diesem Thema beschäftigen.

  2. Daß die Therapie- Konzepte für das Frühstadium der Borreliose auch für die Chronische Borreliose angewendet werden ist aus folgenden Gründen nachvollziehbar.
    1.Die Chronische Borreliose wurde aus der Listung der Chronischen Krankheiten des Bundes- Gesundheitsministeriums ab 1.1.2009 gestrichen.
    Daher gibt es lt.Gesetz keine Chroniker mehr.Die Frage stellt sich,warum wurde über die Chroniker der Stab gebrochen?

    2. Ergo gibt es keine Abrechnungsnummer für Ärzte. Wie können diese Ärzte eine Langzeitbehandlung abrechnen für eine Krankheit die nicht mehr existieren darf?

    3.Darum ist es naheliegend,daß einige Ärzte auf andere Diagnosen ausweichen. Bei der großen Vielfalt der Symptome einer Chronischen Borreliose ist dies leicht möglich. Vor allem alle psychischen Krankheiten sind in der Chroniker- Listung aufgeführt und werden selbstverständlich von allen Krankenkassen anerkannt und vergütet.

    Was können schwer kranke Menschen die durch die Chronische Krankheit oft ein normales Leben verloren haben diesem Skandal entgegenstellen? Ein Skandal der in Deutschland schon über 30 Jahre andauert.
    Ein Skandal der durch TV- Filme von Herrn Hünerfeld die Chroniker und ihre behandelnden Ärzte zusätzlich erniedrigt, diskriminiert und dem Leid der Kranken seine eigene Verleumdungs- Krone aufsetzt.
    Ich werde nie mehr gesund werden, habe inzwischen die Hoffnung auf Anerkennung und Änderung für die Chronische Borreliose aufgegeben.

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