Borreliose: Neu! IDSA-Statement zur US-Anhörung

Am 18. Juli 2012 gab es eine Anhörung im US-Kongress zum Thema “Globale Herausforderungen bei der Diagnostik und dem Management der Lyme-Borreliose, das Schließen der Wissenslücken” – siehe auch hier.

Auch die IDSA hat zu dieser Anhörung ein Statement eingereicht. Nachfolgend die grobe Übersetzung und Zusammenfassung. Besonders lesenswert ist der Abschnitt über “Langzeit-Antibiotika-Therapien” und den Schlenker nach Europa! Für alle, die sich fragen, warum nach spätestens vier Wochen bei vielen Schluss ist mit Antibiotika – bitte, hier ist die Antwort!

Die IDSA repräsentiert fast 10.000 Ärzte und Wissenschaftler, die sich der Patientenversorgung, Prävention, Gesundheit, Bildung und Forschung auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten, einschließlich Lyme-Borreliose, widmen. Die IDSA freut sich, die folgenden Informationen über Fragen zur Lyme-Borreliose, einschließlich der neuesten wissenschaftlichen Daten, der Notwendigkeit neuer Diagnostik sowie der verstärkten Forschung und evidenzbasierter Behandlungsempfehlungen zur Verfügung zu stellen. (Die klinische Untersuchung, Behandlung und Prävention der Lyme-Borreliose, humane granulozytäre Anaplasmose, Babesiose: Clinical Practice Guidelines der Infectious Diseases Society of America; Clin Inf Dis, 2006, Vol. 43, Issue 9, S. 1089-1134…) Wir hoffen, Sie finden die Informationen nützlich für Ihre Überlegungen.

Vorbeugung

Zwischen 2006-2009 erhöhte sich jährlich die Gesamtzahl der an die CDC gemeldeten Lyme-Borreliose-Fälle, wenn auch mit keinem einheitlichen Trend in den jeweiligen Bundesstaaten. Im Jahr 2010 jedoch gingen die “bestätigten Fälle” um 25% zurück und die “wahrscheinlichen Fälle” um 11% gegenüber 2009. Darüber hinaus wurden regionale Trends erkennbar. Unter den 12 Staaten mit hoher Inzidenz in der Nordost-und Mid-Atlantic Region, alle bis auf Virginia verzeichneten einen Rückgang der bestätigten Fälle. Umgekehrt stieg die Zahl der bestätigten Fälle > 20% in Minnesota und Wisconsin. Die Gründe für diese Muster sind nicht bekannt. Angesichts der beobachteten regionalen Konsistenzen, ist ein Überwachungsartefakt eine unwahrscheinliche Erklärung. (MMWR, Vol. 59, Nr. 53, 1. Juni 2012, Seite 15).

Durch das Tragen langer Hosen, langärmeliger Hemden, die Verwendung von Insektenschutzmitteln und das gründliche Absuchen nach dem Aufenthalt im Freien kann das Risiko für Lyme-Borreliose bei Menschen, die in endemischen Gebieten leben verringert werden. Die IDSA unterstützt die Bemühungen zur weiteren Aufklärung der Öffentlichkeit über diesen Präventionsbemühungen.

Eine andere diskussionswürdige Strategie ist ein Impfstoff zur Prävention der Lyme-Borreliose. Wie Sie vielleicht wissen, wurde 1998 wurde ein Lyme-Borreliose-Impfstoff für den Menschen eingeführt und war anfangs sehr beliebt. Leider stellten Gegner der Impfung unbegründete Behauptungen auf über den Impfstoff und die Nebenwirkungen. Diese Behauptungen wurden nicht durch klinische Daten gestützt. In den Studien hatte man solche Nebenwirkungen nicht gesehen. Die Food and Drug Administration (FDA) und die CDC haben die Ansprüche geprüft, und empfahl den Impfstoff auch weiterhin den Menschen in von Zecken befallenen Gebieten. Allerdings sorgte der Imageschaden für den Impfstoff für einen deutlichen Umsatzrückgang. SmithKline Beecham, das Unternehmen, das den Impfstoff herstellte, zog ihn aus dem Verkehr. Der zweite Lyme-Borreliose-Impfstoff-Hersteller, Pasteur Mérieux Connaught, beschloss vielleicht wegen der SmithKline Beecham-Erfahrung, kein eigenes Produkt zu vermarkten. Lyme-Impfstoffe für Tiere bleiben verfügbar, aber nicht für Menschen. Die IDSA würde sich über die Teilnahme an Diskussionen im Kongress, mit der Regierung und Industrie freuen, um festzustellen, ob ein Borreliose-Impfstoff ein nützliches Werkzeug zur Verhinderung der Lyme-Borreliose sein würde, und wenn ja, wie sichergestellt werden kann, dass ein sicherer und wirksamer Impfstoff die Bevölkerung erreicht.

Das Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) an den National Institutes of Health (NIH) finanziert auch die Forschung und Entwicklung eines Impfstoff-Köders für die Immunisierung der Tiere in Borrelien-verseuchten Gebieten. Diese Bemühungen haben das Potential, die Übertragung der Lyme-Krankheit auf den Menschen zu reduzieren, durch die Verringerung der Anzahl von infizierten Zecken. Obwohl dieses Produkt noch getestet wird, sind erste Daten sehr vielversprechend. Zwar ist das nicht eine narrensichere Lösung, diese Bemühungen könnten aber mit anderen Präventionsstrategien kombiniert werden, um unsere Verteidigung gegen die Lyme-Krankheit zu stärken. Die IDSA drängt auf weitere Unterstützung, um diese Forschungen fortzusetzen.

Neue Diagnostik

Die IDSA glaubt, dass spezifische und sensitive diagnostische Tests für die Lyme-Krankheit erforderlich sind. Die NIAID widmet etwa 20 Prozent ihrer Borrelioseforschungsmittel direkt oder indirekt bezogen auf die Diagnose. Aufgrund der enormen Fortschritte in der Bioinformatik und Molekulargenetik hat man bedeutende Fortschritte bei der Entwicklung neuer diagnostischer Tests gemacht. Es ist jedoch zu beachten, dass wenn neue diagnostische Test entwickelt werden, sie mit den bestehenden diagnostischen Methoden verglichen werden müssen, um sicherzustellen, dass sie tatsächlich in Bezug auf Spezifität und Sensitivität überlegen sind, bevor sie überall eingesetzt und angewendet werden.

In Studien, die an verschiedenen Institutionen durchgeführt werden, werden eine Vielzahl von experimentellen Methoden verwendet, die es unmöglich machen, die Ergebnisse in einer sinnvollen Weise zu vergleichen. Deshalb macht sich die IDSA für die Einrichtung eines Serums-Referenz-Speichers mit einer elektronischen Datenbank stark. Auch um den Entscheidungsprozess durch die Anwendung einheitlicher Standards bei einer großen Anzahl von Patienten zu beschleunigen. Die NIH und CDC initiierten diesen Speicher im Jahr 2008. Ende des Jahres 2011 wurden Serumproben (Lyme-Borreliose und verwandte Serumproben) der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf breiter Basis für die Prüfung und den Vergleich der neuen und aktuellen diagnostischen Tests mit einer gemeinsamen Serumprobe für die Standardisierung zur Verfügung gestellt.

Post-Lyme-Borreliose-Syndrom

Die IDSA erkennt an, dass Lyme-Borreliose schmerzhaft sein kann und dass die Krankheit nicht immer richtig erkannt oder behandelt wird. Die Gesellschaft plädiert für mehr Ausbildung und die Entwicklung besserer Diagnostik, so dass klinische tätige Ärzte Patienten mit Borrelia burgdorferi-Infektion zuverlässig identifiziert werden könne und die angemessene Behandlung verschrieben werden kann.

Wir erkennen an, dass einige Patienten weiterhin unter anhaltenden Borreliose-Symptomen leiden können, auch nach einer Antibiotika-Therapie, die das Lyme-Borreliose-Bakterium getötet hat. Diese Patienten tun uns leid, aber wir sind nach wie vor besorgt; die Diagnose einer so genannten “chronischen Lyme-Borreliose”, mit der Annahme einer immer noch aktiven Infektion, wird nicht durch wissenschaftliche Beweise gestützt  und, was noch erschreckender ist, die Behandlung mit langwierigen Antibiotika-Therapien schadet den Patienten mehr,als sie nützt.

Es gibt keine wissenschaftlich anerkannte Falldefinition für “chronische Lyme-Borreliose.” Standard-Therapien mit Antibiotika (zwischen 10-28 Tagen, je nach der Manifestation der Lyme-Krankheit) haben sich als wirksam erwiesen, um die Infektion in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu eliminieren. Der IDSA ist bewusst, dass einige Patienten unter Borreliose-Symptomen, wie Arthritis, leiden, auch nachdem die Infektion durch die Standard-Antibiotika-Therapie eliminiert wurde. Laut peer-reviewed Studien, werden diese hartnäckigen Symptome bei genetisch disponierten Personen durch andauernde entzündliche Reaktionen verursacht. Eine Studie mit Schwerpunkt auf Patienten mit Antibiotika-refraktärer später Lyme-Arthritis, veröffentlicht in den Annals of Internal Medicine ergab, dass diese Symptome bis zu 9 Jahre anhalten können, aber die Häufigkeit und Schwere der Symptome nimmt im Laufe der Zeit ab, um schließlich ganz aufzuhören. Während des ersten Jahres nach dem ersten Ausbruch der Krankheit, hatten 90% der Patienten Anfälle von Arthritis, die Zahl der Personen, die unter Rezidiven litten, verringerte sich jedes Jahr um 10-20%. (Steere, AC et al. Ann. Intern. Med. 107, 725-731 [1987]).

Langzeit-Antibiotika-Therapie

Die meisten Fälle von Lyme-Borreliose werden mit 10-28 Tagen Antibiotika erfolgreich behandelt. Der Einsatz von Antibiotika für eine sehr lange Zeit (Monate oder Jahre) bietet keine besseren Ergebnisse und kann gefährlich sein, weil es potenziell tödliche Komplikationen verursachen und die Entwicklung von resistenten Infektionen fördern kann. Ob Patienten mit persistierenden Symptomen wie Müdigkeit, Muskel-Skelett-Schmerzen und neurokognitiven Dysfunktion durch Langzeit-Antibiotika-Therapien profitieren wurde mit dem höchsten wissenschaftlichen Nachweis geprüft: vier Placebo-kontrollierte randomisierte Studien unterstützen nicht die Anwendung von langfristigen Antibiotika als geeignete Behandlungsoption für Lyme-Borreliose. Obwohl einige Patienten berichten, sich nach dieser Behandlung besser zu fühlen, sind diese Ergebnisse weitgehend anekdotisch. Studie über Studie hat es nicht vermocht, einen Nutzen von langfristigen Antibiotika-Behandlungen gegenüber Placebo zu zeigen. Es wird darauf hingewiesen, dass diese randomisierten klinischen Studien zeigten, dass ungefähr ein Drittel der Patienten von Placebos profitierten. (Klempner MS, Hu LT, Evans J, et al Zwei kontrollierte Studien über Antibiotika-Behandlung bei Patienten mit persistierenden Symptomen und einer Vorgeschichte von Lyme-Borreliose N Engl J Med 2001;… 345:85-92) (Krupp LB, Hyman LG , Grimson R, et al Untersuchung und Behandlung von Post-Lyme-Borreliose (Stopp-LD): eine randomisierte, doppel-blinde Studie Neurology 2003; 60:1923-30) (Fallon BA, Sackheim HA, Keilp J, et al… . Doppel-blind,  placebo-kontrollierte Nachbehandlung mit iv-Ceftriaxon für Lyme-Enzephalopathie: klinische Ergebnisse [Abstract 196]. In:. Program and Abstracts of 10. International Conference of Lyme-Borreliosis and other tickborne Diseases (Wien, Österreich) Österreichische Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin. 2005. p. 116). Daher ist es vielleicht verständlich, warum manche Patienten und Ärzte fälschlicherweise langfristige Antibiotika-Therapien als hilfreich empfinden. Gerade deshalb ist es wichtig ist, gut gestaltete klinische Studien durchzuführen, um zu unterscheiden, ob eine therapeutische Intervention tatsächliche eine positive Wirkung hat, im Gegensatz zu einer Rückbildung der Symptome, die lediglich aus von selbst passiert sein könnte.

Darüber hinaus gibt es keine zuverlässigen Nachweise dafür, dass die Lyme-Borreliose als chronische, aktive Infektionskrankheit bezeichnet werden kann, die fortlaufende Antibiotika-Therapien benötigt. Zwei aktuelle Reviews – eine im New England Journal of Medicine (N Engl J Med 357:14; 4. Oktober 2007) veröffentlicht und die andere im American Journal of Medicine (2008) 121, 562-564 – zeigen evidenzbasierte Ansätze zur Diagnose und empfohlenen Behandlung der Lyme-Borreliose, die die Position der IDSA untermauern. Weder die Diagnose der so genannten “chronischen” Lyme-Borreliose, noch langfristige Antibiotikatherapien werden durch die NIH, CDC, die American Academy of Neurology, das American College of Physicians und die American Academy of Pediatrics, oder von einer überwältigenden Mehrheit von Experten auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten in diesem Land und im Ausland unterstützt.

Obwohl der Erreger, der Lyme-Borreliose verursacht in Europa etwas anders ist, als der, dem wir uns in den USA gegenübersehen, ruft er (der europäische) mehr neurologische Symptome hervor, statt in erster Linie arthritische Symptome, unter denen Amerikaner leiden – hat sich die gleiche kurzzeitige Gabe von Antibiotika in Europa bewährt, um die Lyme-Borreliose-Infektion zu eliminieren. Anzumerken ist, dass die IDSA-Empfehlungen für die Behandlung der Lyme-Borreliose mit denen der European Federation of Neurological Societies, der EUCALB, dem kanadischen Public Health Network, und der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie übereinstimmen. Sie stehen auch im Einvernehmen mit den Empfehlungen von Expertengremien aus 10 europäischen Ländern, darunter die Tschechische Republik, Dänemark, Finnland, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Slowenien, Schweden und der Schweiz.

Die IDSA erkennt an, dass die Medizin sich ständig weiter entwickelt und die Mitglieder der Gesellschaft erheben nicht den Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben. Da die langfristigen Antibiotika-Therapien als nicht-effektiv befunden wurden, um Symptome, die trotz Eliminierung der Infektion noch bestehen, zu behandeln, unterstützt die IDSA weitere Forschung, um sichere und effektive Therapien für Patienten zu entwickeln, die unter solchen langfristigen Symptomen leiden. Die IDSA werden weiterhin regelmäßig ihre Lyme-Borreliose-Leitlinien überprüfen und bei Bedarf aktualisieren, um die beste verfügbare wissenschaftliche Literatur zu reflektieren.

Abschluss

Der IDSA Vorsitzende Smith und die Mitglieder des Unterausschusses bedankens ich für ihre Aufmerksamkeit in Bezug auf diese Fragen und für ihr Interesse an der Sicht der IDSA. Die Gesellschaft freut sich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen zu bedeutenden Fragen für die globale Gesundheit.

Recherchiert und übersetzt von B. Jürschik-Busbach © 2012 

Quelle: http://lymedisease.org/news/lyme_disease_views/idsa-lyme-subcommittee.html

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