Borreliose: Start einer Serie zu den Hintergründen der umstrittenen TV-Borreliose-Dokus

Eine sehr engagierte Blog-Leserin, Susanne L., (Name ist der Redaktion bekannt) hat sich die Mühe gemacht und mal ein wenig im Umfeld der vor kurzem ausgestrahlten TV-Dokus zum Thema “Zecken-Borreliose” und “Zecken-Krieg” recherchiert. In einer kleinen Serie werden wir ihre Ergebnisse vorstellen, die helfen, die Tendenz und Machart der Dokus besser zu verstehen.

Teil 1: SWR-TV-Doku “Zecken-Borreliose” – Wer mit wem und warum?

Die umstrittenen “Zecken-TV-Dokus”, die „Medien-Doktoren“, das IQWiG und die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP)

Wie bereits hier kurz beschrieben, gehört Herr Hünerfeld zu einer Gruppe von Medizinjournalisten, die die Gesundheitsbericht-erstattung in den Medien bewerten. Auf der Website von „Medien-Doktor“ heißt es u. a.: “Der Medien-Doktor ist ein Angebot von Journalisten für Journalisten, angesiedelt am Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus der Technischen Universität Dortmund. Mit Hilfe eines Gutachterpools aus Journalisten beurteilen wir mehrmals pro Woche medizinjournalistische Beiträge in Print-,TV-, Hörfunk- und Online-Medien nach definierten Kriterien.” Hier sind die “Gutachter”: http://www.medien-doktor.de/uber-uns/wer-sind-die-gutachter/

Medien, Macht, Manipulation?

Zu diesem Kreis gehört auch der Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation im IQWiG, Chefredakteur der Website gesundheitsinformation.de, der bis Ende 2005 als freier Wissenschafts- und Medizinjournalist unter anderem auch für das Deutsche Ärzteblatt schrieb.

Am 12. April 2012 veröffentlicht das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) den Beitrag „Zeckenstich ist kein Grund zur Panik“. Mit dieser Gesundheitsinformation sollen den Bürgern und Patienten laienverständliche Informationen, angepasst an deren psychologische Bedürfnisse, gegeben werden. Dabei erwähnt das IWQiG zwar die Unwägbarkeiten einer Borreliose, bleibt aber beim Informationsgehalt nur an der Oberfläche der Infektion.

Kurze Zeit später, Anfang Mai 2012, strahlt ARTE die vom SWR produzierte Dokumentation „Zecken-Borreliose“ von Patrick Hünerfeld aus. „Unterschätzte Gefahr oder eingebildete Krankheit?“ lautet die Frage, der Patrick Hünerfeld vorgibt nachzugehen. Eine Fragestellung, die dem Zuschauer eine objektive Berichterstattung suggerieren soll. Das Ergebnis der Dreharbeiten ist am Ende ein Beitrag, der inhaltlich mit Falschaussagen glänzt und sich intensiv manipulativer, journalistischer Stilmittel (Musik, Bilder, Sprache, Selektion und Platzierung des Materials) bedient.

Scharlatane und Pseudowissenschaftler?

Borreliosepatienten sind nicht die erste Patientengruppe, die sich von einem SWR-Beitrag verunglimpft fühlt. Mit dem Beitrag „Scharlatane und Pseudowissenschaftler“ ist offenbar unter Zuhilfenahme der gleichen Vorgehensweise wie bei den “Zecken-Dokus” (u. a. manipulative Vorspiegelung der Absichten, gezieltes Weglassen von Drehmaterial) eine “Doku” gedreht worden, die die Arbeit eines gemeinnützigen Vereins, des Krebsforums Stuttgart, in ein schlechtes Licht rückt. Dort sieht man sich vom SWR verunglimpft. Der Ministerpräsident wird eingeschaltet. In dem Beschwerdebrief des Vereins heißt es: “Erschreckend inkompetent” sei die Sendung gewesen, eine einseitige und radikale Hetzkampagne, die eines öffentlich-rechtlichen Senders absolut unwürdig sei.” Das kommt den Borreliosepatienten vermutlich bekannt vor. Bisher, so heißt es in dem Brief weiter, habe man im Dritten Fernsehen eine so schlecht recherchierte Sendung wie diese noch nicht erlebt, die Sendung habe die Arbeit des Zentrums für Information, Schulung und Therapieberatung “diffamiert und kriminalisiert”.

Mit von der Partie sind die Odysso-Redaktion und Patrick Hünerfeld mit dem sogenannten Scharlatan-O-Meter. Inzwischen hat das Krebsforum Stuttgart eine Rechtsaufsichtsbeschwerde eingereicht. Anwälte sind mit dem Thema beschäftigt und der SWR räumt ein “mit dem “zugegebenermaßen etwas provozierenden Titel vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen” zu sein.”

Stellungnahme

Die öffentliche Entrüstung über die Dokumentation „Zecken-Borreliose“ veranlasst den Leitenden Redakteur des „Medien-Doktor“ am 11. Mai 2012 zu einer Stellungnahme. Dabei beruft er sich – wie praktisch – unter anderem auf die Veröffentlichung seines „Medien-Doktor“-Kollegen, der die Gesundheitsinformationen des IQWiG herausgibt und auf seinen anderen „Medien-Doktor“-Kollegen, Hünerfeld, der die Doku gedreht hat. Man kennt sich, man hilft sich.

Sicher, wir sind hier nicht in Berlusconis Italien und leben auch nicht im Murdoch-gebeutelten Großbritannien und doch ist die “vierte Macht” im Staate längst zur “ersten” geworden. Journalisten verfügen über Informationen und haben Macht. Sie wählen Informationen aus, platzieren sie, lassen sie weg. So nehmen sie Einfluss auf die Weltsicht und Meinung ihrer Leser/-innen, Zuschauer und User. Gleichzeitig stehen sie im Fokus von Lobbyisten. Journalisten billigen häufig das bewusste Hochspielen von Informationen, wenn diese ihre Sichtweise stützen. Die Leser, Zuschauer und User werden so bewusst manipuliert. Es ist sicher hilfreich sich diese Gegebenheiten bewusst zu machen, um besser zu verstehen, wie es zu den umstrittenen TV-Dokus zum Thema Borreliose kommen kann. Wir werden sehen, was das IQWiG und der „Medien-Doktor“ mit der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) zu tun haben, welche Verbindungen zwischen Mitgliedern der AWMF, der STIKO und dem Robert Koch-Institut bestehen und vieles mehr. Nachzulesen in Teil 2 der kleinen Serie von Susanne L.

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank Susanne für Deine Beiträge! :-)

Teil 2 folgt in Kürze.

12 Kommentare zu Borreliose: Start einer Serie zu den Hintergründen der umstrittenen TV-Borreliose-Dokus

  1. Petra Bonin meint:

    Ein großes DANKE an Susanne und Dich Birgit! Und an alle anderen die mitgewirkt haben! DANKE!

  2. Borrelianer meint:

    Birgit, das hast Du wirklich ganz toll geschrieben. Und Susanne ist echt eine tolle Recherchörin!
    Es kommt einem vor wie in einer unglaublichen Verschwörungstheorie. Wer hängt da wohl noch alles drin? Die Versicherungswirtschaft? Die Psychiater? Die Ärztekammern? Oh Mann, oh Mann, oh Mann – gut das Euch gibt, die aufrechten Kämpferinnen für die Wahrheit über die miese, fiese Borre!
    Irgendwann werden wir siegen!
    Liebe Grüße vom Borrelianer

  3. Auch von mir ein herzliches DANKESCHÖN. Durch die Recherche von Susanne und Birgit kann ich die Hintergründe dieses verachtungswürdigen Films einordnen.
    Daß in unserem Rechtsstaat eine mehrmalige Ausstrahlung ohne rechtliche Konsequenzen bleibt ist für mich nicht nachvollziehbar.
    Darf ein Journalist, zwei Ärzte und der Leiter des NRZs unzählige Chronisch Borreliose-Kranke beleidigen und als eingebildete Kranke darstellen ?

  4. Isabell meint:

    Es ist nun mal so, daß eine Krähe der anderen keine Borrelie ins Fell hackt oder so…

    Ansonsten schließ ich mich meinen Vorschreibern an und danke Euch beiden für die Arbeit und vor allem die Zeit, die Ihr in diese Recherchen steckt, um uns allen zu helfen!

  5. Stahlkocher meint:

    Liebe Betroffene,

    ein Dankeschön für diese Recherche.Als selbst Betroffener hatte ich meinen Umkreis gebetetn sich die Sendung auf Arte anzuschauen,um diese Krankheit besser zu verstehen.Die Sendung selber,empfand ich erniedrigend.Ich fühlte mich abgestempelt zu einem psychisch kranken Menschen.
    Um,für mich,so erstaunlicher das Feedback der nichtbetroffenen Menschen,welchen diesen Film gesehen haben.Der Tenor:” Dieser Filmemacher hat weder Ahnung von Medizin noch von Journalismus.”
    Die Leute fühlten sich durch die Bank verschaukelt.
    Meine Meinung,weder gegen den Film,noch gegen Herrn Dr.Hünerfeld muß man etwas unternehmen.Beides,und auch die ausstrahlenden Sender machen sich unglaubwürdig und fügen eher ihrer eigenen Zunft Schaden zu.
    Ich habe auch keine Bedenken,das sich der Begriff der chronischen Borreliose nicht durchsetzt.Ist doch nur eine Zeitfrage bis die Krankenkassen merken,das Antibiotika preiswerter als Lyrica und Antidepressiva sind.

  6. Stahlkocher meint:

    PS: Seit diesem Film ist mein Buch “Die verschwiegene Epedemie” ständig unterwegs.

  7. Amrei meint:

    Jeder, der von dieser Krankheit betroffen ist, fühlt sich zurecht “verschaukelt”.
    Was sollte das?
    Der SWR stand bei mir bisher hoch im Kurs, leider nun nicht mehr!
    Bitte,liebe Redaktionen, distanziert euch von diesem Film!
    Die Recherche von Susanne und Birgit zeigen,daß hier einfach was falsch gelaufen ist.
    Bitte, mein lieber Sender: holt euch eure Glaubwürdigkeit zurück, damit ich auch in Zukunft guten Gewissens eure Sendungen wieder ansehen kann!

    Amrei

  8. Annemarie C. meint:

    Danke für die Mühe und die Recherche!
    Vielleicht tut sich ja doch noch etwas zum Wohle der Borreliosekranken, wenn sich Leute wie ihr so dafür einsetzen.
    Das Buch “Die verschwiegene Epedemie” ist ein großer Erfolg!
    Es zeigt schonungslos, wie es in der Realität aussieht.

    Es bleibt nur zu hoffen, daß dadurch ein Umdenken stattfindet, vor allem bei Ärzten und Politikern.

  9. Annemarie C. meint:

    Danke für die Mühe und die Recherche!
    Vielleicht tut sich ja doch noch etwas zum Wohle der Borreliosekranken, wenn sich Leute wie ihr so dafür einsetzen.
    Das Buch “Die verschwiegene Epidemie” ist ein großer Erfolg!
    Es zeigt schonungslos, wie es in der Realität aussieht.

    Es bleibt nur zu hoffen, daß dadurch ein Umdenken stattfindet, vor allem bei Ärzten und Politikern.

  10. Pingback: Anonymous

  11. Nils meint:

    Zitat:

    “Das Ergebnis der Dreharbeiten ist am Ende ein Beitrag, der inhaltlich mit Falschaussagen glänzt und sich intensiv manipulativer, journalistischer Stilmittel (Musik, Bilder, Sprache, Selektion und Platzierung des Materials) bedient.”

    Wo finden sich für o.g. Aussage Beweise? Jeder Berichterstattung unterliegt eine gewisse Auswahl von Information und damit eine bestimmte Sicht auf die Dinge.

    Ich möchte hier keinen Pro- oder Contra-Standpunkt beziehen. Für mich als Laien waren aber einige der dargestellten Sachverhalte in dem Beitrag schon recht deutlich, so z.B. gewisse Ärzte die gut am Leid von vermeintlich chronisch Borreliose Kranken verdienen. Ebenso suspekt ist mir die aggressiv auftretende Deutsche Borreliose Gesellschaft.

    Sicher, wer von dieser üblen Krankheit betroffen ist, ist froh, wenn er Leute findet, die einem Helfen können. Doch gerade hier gibt es denke ich auch Scharlatane und Menschen die Geld am Leid der anderen verdienen.

    In dem Beitrag werden ja auch zwei Ärzte zitiert (Prof. Heidelore Hofmann, Prof. Sebastian Rauer) die da, ich nenn’s mal einen etwas besonneneren Blick an den Tag legen.

    Ehrlich gesagt – ich weiss nicht was ich davon halten soll. Die chronisch Kranken auf der einen Seite, die “klassischen” Ärzte auf der anderen, die sagen alles kein Problem und heilbar. Und dann treten da auch noch Leute auf, die versprechen, sie können, was andere nicht können, nämlich der Gruppe der Leidenden helfen (natürlich nicht aus reinem Altruismus, sondern aus vorwiegen Monetären Beweggründen heraus). Ich will nicht urteilen, nur anprangern, dass dieser Missstand leider wie zu oft auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen wird.

    Vl. zum Schluss nur so viel – woran verdient ein Arzt (egal ob Scharlatan oder Schulmediziner) – an einem Kranken oder an einem gesunden Patienten?

  12. Susanne meint:

    Hallo Nils,
    den Beweis für die manipulative Berichterstattung lieferst Du doch selbst: “aggressiv auftretende Borreliosegesellschaft”.
    Die Borreliosegesellschaft gibt keine Heilversprechen ab behandelt aber im Gegensatz zu anderen Experten vorwiegend ursächlich und nicht symptomatisch. Profitabel sind doch vor allem symptomatische Behandlungen die meist lebenslang erfolgen, die Nebenwirkungen dieser Behandlungen werden aber leider verschwiegen. Robert Withaker beschreibt in seinem Buch „Anatomy of an Epidemic“ den wirtschaftlichen Anreiz psychische Erkrankungen so beliebig wie möglich zu definieren. Dazu werden Leitlinienautoren bzw. ärztliche Meinungsbildner (Pharmaceutical Opinion Leader) von Pharmafirmen umworben. Die Zusammenarbeit ist für beide Seiten lukrativ.

    http://www.forum-gesundheitspolitik.de/artikel/artikel.pl?artikel=1283

    Welche Fehlanreize Leitlinien liefern können zeigt die Analyse zur Leitlinie „Müdigkeit“ (im Grunde dasselbe Prinzip wie bei Borreliose)

    http://cfs-aktuell.de/maerz12_2.htm

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