Borreliose: Serie zu den Hintergründen der umstrittenen TV-Borreliose-Dokus – Teil 4

Eine sehr engagierte Blog-Leserin, Susanne L., (Name ist der Redaktion bekannt) hat sich die Mühe gemacht und mal ein wenig im Umfeld der vor kurzem ausgestrahlten TV-Dokus zum Thema “Zecken-Krieg” recherchiert. In einer kleinen Serie stellen wir ihre Recherchen und Gastbeiträge vor.

TV-Dokus “Zecken-Borreliose” – Wer mit wem und warum – Teil IV

Wir erinnern uns, Hünerfeld, der Leitende Redakteur des Medien-Doktor und der Herausgeber der „Gesundheitsinformationen“ des IQWiG (“Die meisten Zeckenstiche sind harmlos”) sind kollegial miteinander verbunden, siehe Teil 1. Die Verbindungen von einzelnen “Medien-Doktoren” mit der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) waren u. a. Inhalt von Teil 2. Im 3. Teil der Serie beschäftigte sich Susanne mit “Wissenschaft im Dunstkreis der Skeptiker”, während sie im 4. Teil die Preisverleihungen unter die Lupe nimmt.


Preisverleihung unter Freunden

Patrick Hünerfeld ist preisgekrönt. Einer der ihm verliehenen Preise ist der Peter Hans Hofschneider-Recherchepreis (2009/2010) der Stiftung experimentelle Biomedizin. Auch wenn jetzt mancher Borreliosepatient tief Luft holen muss, mit dem Preis werden nach Angaben der Stiftung, journalistische Arbeiten und Rechercheprojekte aus Wissenschaft und Forschung ausgezeichnet, die “sowohl durch eine saubere Darstellung wissenschaftlicher Fakten als auch durch die Recherche politischer, wissenschaftlicher oder gesellschaftlicher Hintergründe überzeugen.”

Wie praktisch, dass im Stiftungsbeirat und in der Preis-Jury auch Professor Wormer, der “Kollege-Projektleiter” des Medien-Doktors zu finden ist, was sicher keinerlei Einfluss auf die Preisvergabe hatte, oder?

Ist die Borreliose-Doku einfach nur ein “typischer Hünerfeld”?

Für seine Doku “Schrittmacher fürs Gehirn” erhielt Hünerfeld 2010 den Medienpreis der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychologie und Nervenheilkunde (DGPPN), einer der Fachgesellschaften der AWMF bei der u. a. auch Leitlinien zur Neuro-Borreliose gelistet sind. In der 2009 erstellten Leitlinie „Therapeutische Maßnahmen bei aggressivem Verhalten in der Psychiatrie und Psychotherapie“, federführend die DGPPN, wird auch Herr Hünerfeld erwähnt. In seinem Beitrag „Deutschland in der Zwangsjacke der Psychiatrie“ spricht er sich für Medizinische Leitlinien aus, die in schwierigen Fällen für mehr Sicherheit sorgen sollen. Ein “typischer Hünerfeld” möchte man fast schon sagen, denn auch dieser Beitrag stieß nicht nur auf Begeisterung. In einem offenen Brief werfen ihm Kritiker vor, sein Beitrag sei beschönigend und verharmlosend. Wir erinnern uns auch an seinen Scharlatan-O-Meter und an die Empörung beim Krebsforum Stuttgart. 

Mit Borreliose assoziierte Befindlichkeitsstörungen ordnet man in der DGPPN den somatoformen Störungen zu – siehe DGPPN-Symposium: „ (…)Wir sehen Menschen vor uns, die körperliche Beschwerden beklagen, die sich jedoch nicht hinreichend organisch erklären lassen, obgleich die Betroffenen von der somatischen Genese überzeugt sind. (…) Dazu gehören u.a. umweltassoziierte Beschwerden, das Chronic-Fatigue-Syndrom, chronische organisch nicht hinreichend erklärbare Schmerzen, wie das Fibromyalgiesyndrom und immer häufiger auch mit Borreliose assoziierte Befindlichkeitsstörungen.“ Hünerfeld scheint offenbar Gefallen an DGPPN-Positionen gefunden zu haben.

Die DGPPN als Mitglied der AWMF ist an der Erarbeitung von Leitlinien beteiligt. Ihre Leitlinie „Umgang mit Patienten mit nichtspezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden“ führt auf Seite 9 – wenig überraschend – auch das Post-Lyme-(Borreliose)Syndrom auf. So mag es kaum verwundern, dass in Hünerfelds Dokumentation die bakterielle Infektion mit Borrelien selbst in den Hintergrund rückt bzw. sie allenfalls am Rande existiert. Interessenskonflikte werden konsequent bei anderen vermutet und selbstverständlich verliert man kein Wort darüber, dass es vor allem aufgrund der beschämend schlechten Studienlage – es fehlen ja Langzeitstudien zur Borreliose jenseits des Frühstadiums an allen Ecken und Enden – über die Jahre hinweg zu einer regelrechten “Lagerbildung” gekommen ist.

In Lager A glaubt man, Borreliose sei selten, unkompliziert zu diagnostizieren und leicht zu heilen. Die Heilungsbeweise fehlen freilich, aber das stört nicht weiter. Für Vertreter des Lagers B ist die Borreliose relativ häufig, meistens unter- und fehldiagnostiziert und verläuft in viel zu vielen Fällen chronisch. Selbst im österreichischen Infektionsnetz heißt es zur Borreliose: „Zu chronischem Verlauf neigende Infektionskrankheit (Spirochätose) mit buntem Spektrum von Organmanifestationen (Multisystemerkrankung).“ Der „zu chronischem Verlauf neigenden Infektion“ meint man dennoch mit kurzen antibiotischen Therapien beikommen zu können. Kein Wunder, wird doch bei den Therapieempfehlungen der IDSA-Leitlinienautor Stanek als Quelle angegeben.

Leitlinien zur Borreliose nach dem GOBSAT-Prinzip?
Mehr darüber: hier

 

6 Kommentare zu Borreliose: Serie zu den Hintergründen der umstrittenen TV-Borreliose-Dokus – Teil 4

  1. Borrelianer meint:

    Toll was Du da alles zusammengetragen hast – Respekt!
    Ein paar Sachen, die Du da zusammenschreibst stimmen aber gar nicht.
    Du schreibst zum Beispiel „ein typischer Hühnerfeld“ und verweist auf einen Beitrag „Deutschland in der Zwangsjacke“ und einen „offenen Brief“, in dem Hühnerfeld etwas vorgeworfen wird. In dem Brief wird Hühnerfeld aber doch in erster Linie gelobt und nicht kritisiert.
    Dann schreibst Du über das „Scharlatan-O-Meter“ und „die Empörung beim Krebsforum Stuttgart“. Im ersten Teil hast Du dazu geschrieben, dass der SWR eingeräumt hat „vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen“ zu sein. Dabei ging es aber doch gar nicht um den Beitrag vom Hühnerfeld (auf Kontextwochenzeitung.de kann man nachlesen, was damals passiert ist).
    Weiter unten schreibst Du über einen Artikel vom Arznei-Telegramm und schreibst: „Kann man mehr über die S1-„Leitlinie“ zur Neuroborreliose, entstanden unter der Federführung von Professor Rauer, sagen?“ – in dem Artikel ist aber überhaupt nicht von Neuroborreliose oder der Leitlinie die Rede.
    Für so einen recht kurzen Text sind das aber zu viele falsche Sachen, finde ich. Stimmen denn die anderen wenigstens?

  2. Susanne meint:

    Hallo Borrelianer,
    dieser offene Brief richtet sich in der Tat nicht gegen Patrick Hünerfeld sondern gegen die Kampagne, die angeblich gegen Hünerfeld losgetreten wurde. Die Verfasser stellen sich zwar hinter Hünerfeld weil er für seine Beitrag Kritik erntete, aber letztlich bestätigen sie auch die beschönigende Darstellung. Wie bereits erwähnt äußerte sich Patrick Hünerfeld in diesem Beitrag auch befürwortend zu Leitlinien und in der dazugehörigen Leitlinie wurde auch u.a. auf seinen Beitrag verwiesen. Diese Leitlinie wurde unter Federführung der DGPPN, Ansprechpartner eben jener Professor, gegen den sich dieser offene Brief richtete, erstellt. Die Organisation, die diesen offenen Brief verfasste, kritisierte diese Leitlinie heftig was zur Folge hatte, dass sie mit Scientology verglichen wurde. Dieser Professor ist nicht nur Mitglied der DGPPN sondern auch in der Versorgungsforschung tätig, Schwerpunkt u.a. Drittmittel.
    http://www.bpe-online.de/verband/rundbrief/2008/1/leitlinie.htm

    Danach folgte der Beitrag Scharlatane und Pseudowissenschaftler und wenig später erhielt Patrick Hünerfeld den DGPPN-Medienpreis für Wissenschaftsjournalismus, der in Verbindung mit der von der DGPPN gegründeten Stiftung Seelische Gesundheit verliehen wird die in Treuhänderschaft des Stifterverbands für die Deutsche Wirtschaft steht in deren Vorstand auch Vorstandsvertreter bedeutender Pharmaunternehmen sitzen. Wenn das nicht zum Himmel stinkt.
    http://www.dgppn.de/dgppn/kooperationen/stiftung.html

    Der Scharlatan-O-Meter war Teil des Beitrags Scharlatane und Pseudowissenschaftler. Patrick Hünerfeld gehört zum Odysso-Team und war an diesem Beitrag beteiligt. Was gibt es da nicht zu verstehen? Der Begriff Scharlatane – der von Hünerfeld in der Borreliose-Doku erwähnt wird – spricht doch für sich.

  3. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Der Artikel im Arznei-Telegramm http://www.arznei-telegramm.de/zeit/0011a.php3 bezieht sich natürlich nicht auf Professor Rauer im Besonderen, sondern auf qualitativ magere Leitlinien, die besser heraus genommen werden sollten, im Allgemeinen. Worunter sicher auch die ein oder andere S1-Leitlinie fällt. Beide AWMF-Leitlinien zur Borreliose sind dürftige S1-Leitlinien, also alles andere als qualitativ hochwertig.

  4. arminius meint:

    Liebe Susanne, beeindruckend und verdienstvoll, welche Arbeit Du Dir machst.
    Aber wenn wir ernstgenommen werden wollen, müssen wir immer sachlich und vor allem korrekt bleiben – da hat Borrelianer recht. Leider gibt es in Deiner Antwort wieder ein paar Fehler. So gibt es überhaupt keinen
    “Stifterverband für die deutsche Wirtschaft”. Was Du wohl meinst, ist der
    “Stifterverband für die deutsche Wissenschaft”, und das ist ein hochseriöser Verband, bei dem sicher nichts “zum Himmel stinkt”. Und gegen die Wissenschaft sind doch auch wir nicht (ich jedenfalls nicht)! Und das Wort “Scharlatane” hat doch Hühnerfeld gar nicht gebraucht, das war doch die Hautärztin. Den Rest, was Du schreibst, kann ich nicht beurteilen. Aber da zweifelt man dann halt, wenn man über ein paar Dinge stolpert, von denen man weiß, dass sie nicht stimmen. Bei allem Verständnis über Deine Wut und Deinen Ärger: So was dient leider unserer Sache gar nicht!

  5. Susanne meint:

    Korrekt ist natürlich Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (man sollte nachts nicht kommentieren)

    http://www.stifterverband.info/ueber_den_stifterverband/organisation_und_gremien/vorstand/index.html

    Dieser Verband finanziert über die Initiative Wissenschaftsjournalismus das Projekt Medien-Doktor mit. Vorausgegangen war dem Projekt Medien-Doktor das Qualifizierungsprogramm Wissenschaftsjournalismus unter Federführung der Bertelsmann Stiftung. Bertelsmann dürfte jedem ein Begriff sein.

    http://www.medien-doktor.de/uber-uns/wer-sind-wir/

    http://www.initiative-wissenschaftsjournalismus.de/

    http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/6762_6774.htm

    Im übrigen arbeiten auch seriöse Institute mit Einrichtungen der Industrie zusammen, so z.B. das RKI mit Euroimmun (Labordiagnostika).

    http://www.attac-netzwerk.de/cottbus/aktuell/detailansicht/datum/2011/02/22/lobbyisten-im-amt/?L=2&cHash=6d3b9a30b8d90322349600318561a454

    Im Bereich Labordiagnostika profitieren zudem Borreliose-Experten wie die frühere Leiterin des NRZ Borrelien, die maßgeblich an der Entwicklung rekombinanter Immunoblots beteiligt war (Patente werden über Mikrogen vermarktet) oder Prof. Rauer (ravo diagnostika).

    http://www.patentgenius.com/inventedby/WilskeBettinaMunchenDE.html

    http://www.ravo.de/de/ueber_ravo.php

    Beeindruckend sind vor allem die vielfältigen Verbindungen bis hin zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, die jedoch in kurzen kommentierten Blogbeiträgen kaum plausibel vermittelbar sind.

  6. kathisa meint:

    Susanne und Birgit, vielen Dank für Eure Veröffentlichung der Hintergründe. Dies durchschaut der normale Bürger leider nicht. Ich finde Eure Recherche sehr gut und sie ist auch sehr gut durch entsprechende Links bewiesen. Eine sehr wertvolle Arbeit, die den Borreliosepatienten auf kurz oder lang helfen wird.

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