Borreliose: Serie zu den Hintergründen der umstrittenen TV-Borreliose-Dokus – Teil 2

Eine sehr engagierte Blog-Leserin, Susanne L., (Name ist der Redaktion bekannt) hat sich die Mühe gemacht und mal ein wenig im Umfeld der vor kurzem ausgestrahlten TV-Dokus zum Thema “Zecken-Borreliose” und “Zecken-Krieg” recherchiert. In einer kleinen Serie stellen wir ihre Recherchen und Gastbeiträge vor.

TV-Dokus “Zecken-Borreliose”
Wer mit wem und warum- Teil II

Was haben das IQWiG und der „Medien-Doktor“ mit der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) miteinander zu tun?

Wir erinnern uns, Hünerfeld, der Leitende Redakteur des Medien-Doktor und der Herausgeber der „Gesundheitsinformationen“ des IQWiG sind kollegial miteinander verbunden. Siehe Teil 1.

Der Leitende Redakteur des „Medien-Doktor“, Anhäuser, betreibt seit 2005 den Webblog Plazeboalarm bei Scienceblogs.de, einer Bloggerplattform, auf der sich unter anderem auch Sympathisanten des Skeptikervereins GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sammeln.

Kooperiert GWUP mit esowatch?

Esowatch, das 2007 ins Leben gerufene Internet-Projekt, das Themen aus den Bereichen Esoterik, Verschwörungstheorien und pseudowissenschaftliche Heilmethoden in der Alternativmedizin aufgreift und kritisiert, versorgt Interessierte nach eigenen Angaben “mit dem notwendigen Realismus zu den Themen Esoterik, Religion, Gesundheit, und hilft Ihnen dabei, Ihren Geldbeutel zu schonen. EsoWatch präsentiert falsche Prediger, Ideologen, Scharlatane und Betrüger. EsoWatch versteht sich als kritischer Verbraucherschutz vor scheinheiligen, nutzlosen und wirkungslosen Produkten, Therapien und Ideologien.” Der geneigte Leser möge hierzu bitte auch einen Blick in das interessante Impressum werfen.
Kooperiert GWUP mit Esowatch? Diese Frage stellt sich nicht zuletzt, weil beispielsweise in dem Beitrag http://www.redaktion-wissen.de/texte2009/Gallensteine.html für esowatch geworben wird. Nicht nur, dass die Esowatch-Autoren ausschließlich anonym agieren und die Domain interessanterweise in Hongkong registriert wurde – laut Wikipedia wird Esowatch-Autoren von Kritikern vorgeworfen, Personen zu verleumden.

 

Der jetzige Leiter des IGWiG war übrigens bis zu seiner Berufung, 2010, Mitglied des Wissenschaftsrats der GWUP. Er referierte ebenso auf dem von der GWUP veranstalteten 6. World Sceptics Congress (18. – 20. Mai 2012) wie ein Mitglied der erweiterten AWMF-Leitlinienkommission. Aufgrund der Verbindungen über die GWUP, das Medien-Doktor-Projekt, das IQWiG, die AWMF und weiterer Netzwerke ist es den Autoren natürlich ein Leichtes, ihre TV-Beiträge, Podcasts und Printartikel auf breiter Ebene zu ventilieren.

 

Schlechte Karten für Galilei
Im Mai 2012 verabschiedete die GWUP eine Resolution zur Einhaltung wissenschaftlicher Standards, da Wissenschaftler und Skeptiker aus aller Welt über die wachsende Toleranz, Akzeptanz und sogar Förderung von pseudowissenschaftlichen und okkulten Ideen und Praktiken an wissenschaftlichen, akademischen und bildungsrelevanten Institutionen tief besorgt seien. Die GWUP-Skeptiker geben in dem ZEIT-Interview Lobbyisten gegen esoterische Umtriebe übrigens zu, “eher den wissenschaftlichen Mainstream [zu] vertreten.” Bei GWUP hätte somit auch ein Galilei schlechte Karten gehabt. GWUP appelliert an die Öffentlichkeit „sich stärker der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis innerhalb der akademischen Institutionen zu widmen und das Lehren wissenschaftlicher Denkweisen und Erkenntnisse in Schulen zu fördern, um Wissenschaft und kritisches Denken in der Öffentlichkeit zu verbreiten und Verbraucher vor pseudowissenschaftlichen Therapieformen zu schützen.“

 

Borreliose-Doku – übers Ziel hinausgeschossen?

Das alles ist sicher gut, notwendig und ehrenwert. Im Kontext der vom SWR produzierten Doku über die Infektionskrankheit Lyme-Borreliose scheint jedoch jedes Augenmaß verloren gegangen zu sein. Schließlich geht es bei den umstrittenen TV-Dokus eben nicht um Wünschelrutengehen oder Kreationismus. Es geht um eine ernstzunehmende, nachweisbare Infektionskrankheit. Hallo?

In den Borreliose-Dokus wurden widersprechende Studienergebnisse, die nicht das eigene Meinungsbild bestätigten und Aussagen von Medizinern, die nicht die eigene Meinung unterstützten, systematisch ausgeblendet. Eine Vorgehensweise, die Borreliosepatienten bislang vor allem von der umstrittenen Borreliose-Leitlinien-Erstellung der US-amerikanischen Infektionsgesellschaft IDSA vertraut ist.

Was bei der selbsicheren Attitüde in den Borreliose-Dokus scheinbar vergessen wird: Wir stehen zwar auf den Schultern von Riesen, aber wir können immer noch nicht weit sehen. Wir sind auf einem Wissensstand, über den man in einigen Jahrzehnten den Kopf schütteln wird. Immer noch gilt auch in der Medizin Sokrates Diktum „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Was in den TV-Dokus von Hünerfeld und Kollegen praktiziert und vorgeführt wird, ist das Gegenteil kritischen Denkens, das Gegenteil einer systematischen wissenschaftlichen Herangehensweise, ganz davon abgesehen, dass . der Zweifel die Seele der Wissenschaft ist.

Das goldene Brett vorm Kopf

Die GWUP verleiht auch gerne Preise. 1998 ging beispielsweise der „verbogene Löffel“ für die „peinlichste esoterische Simpelei“ an den Fernsehpfarrer Jürgen Fliege. Für dieses Jahr steht für viele Borreliosepatienten bereits fest, wen sie für „Das goldene Brett vorm Kopf“ nominieren würden. Für die ganz und gar herausragende Leistung, mit möglichst wenig Beweisen, möglichst viel zu behaupten.

Fortsetzung folgt.


7 Kommentare zu Borreliose: Serie zu den Hintergründen der umstrittenen TV-Borreliose-Dokus – Teil 2

  1. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Übrigens brachte der SWR bereits 2008 eine Sendung mit ähnlichem Tenor:
    “Zeckenhysterie” hieß der wenig sachliche Titel und befragt wurden, da muss man nicht lange raten: Dr. Fingerle und Prof. Herzer.
    http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/nid=1046894/did=3449716/ldcnu8/index.html

    Selbstverständlich heißt es dann auch: “Unnötige Antibiotika-Verabreichungen “Es ist wirklich ein Skandal, welche Unmengen Antibiotika wegen vermeintlicher Borrelien-Infektionen verordnet werden. Patienten werden über Monate mit Antibiotika behandelt, ohne dass es überhaupt einen Sinn macht, diese Patienten so zu behandeln”, sagt Prof. Peter Herzer, Internist und Rheumatologe in München.”

    Pech für alle Patienten, die nur mit einer längeren antibiotischen Therapie wieder auf die Beine kommen und kamen, Pech also für die Wirklichkeit.

    Zu glauben, therapeutisch könne man eine “One size fits all”-Strategie verfolgen, anstatt die Reaktion des Patienten auf die therapeutische Intervention zu berücksichtigen, ist schon sehr bemerkenswert.

  2. Runzer, Kurt meint:

    Ich kann nur sagen das ich diese unverschämte Verharmlosung über die Schiene das Antibiotika nicht helfen und noch viel schlimmer, das die Ärzte nicht mehr die Krankheitsgeschichte berücksichtigen auf das allerschärfste verurteile. Ich kann garnicht genug einmal mehr sagen das ich zu tiefst über die gesammte Einstellung zu Borreliose in unserem Land wohl Mafiöse Züge am Werk sind. Denn wie dummm muß man als studierter Mediziner eigentlich sein um nicht zu erkennen das eine fortgeschrittene Borreliose das Immunsystem kaputt machen kann. Daraus resultiert das man auch bei Laboruntersuchungen die auf die Bildung von Antikörper nicht mehr entsprechend positive Werte hat (wie bei mir geschehen und auch bei einer Ärztin bei der ich Gott sei Dank in Behandlung bin).

    Aber all das und noch viel mehr kann man sich auf meiner Homepage erlesen.

    Und dann gibt es da noch diese Seite:
    http://ugesa.org/
    über dessen Forum ich auf diesen Bericht gestoßen bin:
    http://www.ugesa.org/forum/

    Also mich als Betroffener Borrelioseerkrankter, der schon die Tretmühlen der absolut dummen Schulmedizin in Deutschland hinter sich hat, braucht man nicht zu erzählen welche Dummschwätzer es im Bezug auf die Borreliose es in unserem Land gibt.

    Ich kann nur sagen das ich dank der Theraphie von Prof. Dr. Trevor Marshal auf enem guten Weg der Genesung bin. Noch im März 2011 als ich mit dem sogenannten MP beann, konnte ich mir kaum die Schuhe selbst zubinden oder die Winterjacke ohne Schmerzen anziehen. Auch hatte ich bereits im Nov. 2010 im linken Ohr einen Piepton mit selbst ein HNO-Arzt nix anfangen konnte. In der Rheumathologischen Klinik in Wuppertal im Nov. 2010 wurde mir die Diagnose einer sehr schmerzhaften Polyathritis im Befund eingetragen.

    Toll, und das alles weil ich einen sehr schönen Naturgarten habe in dem ich mir im Aug 2010 am Fuß vermutlich einen Zeckenbiss zugezogen hatte. Leider hatte ich die Zecken nicht gefunden, weil ich mich nur durch die Socke gejuckt hatte und ich danach nur eine sehr stark Blutende Stichstelle hatte. Später hatte ich dan in diesem Bein links im Knie fürchterliche Schmerzen, dann 2 Wochen weiter auch im rechten Knie und ein grippeartiges Gefühl. Naja den Rest des Krankheitsverlaufes können Sie sich ja denken.

    Nun nach fast 15 Monaten Therapie nach dem “MP” geht es mir schon wieder recht gut. Aus diesem Grund habe ich wirklich Lust die Ärzte und Krankenhäuser zu verklagen die mir nur Fehldiagnosen und Fehlinterpretationen gegeben haben.

    Aber das werde ich mir verkneifen und werde so wie Sie ein Buch schreiben um mit dem ganzen abzurechnen, ganz nach dem Motto wie es ja auch namhafte Politiker tun.

    Beste Grüße, K. Runzer aus Remscheid

  3. Pit meint:

    Was bringt den Doktor um sein Brot?

    a) die Gesundheit, b) der Tod.
    Drum hält der Arzt, auf daß er lebe,
    Uns zwischen beiden in der Schwebe.

    von Eugen Roth

  4. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

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