Zecken-Borreliose – ARTE Doku: Stellungnahme von Dr. med. Barbara Weitkus

Nachdem nun sehr viele Patienten zur tendenziösen ARTE-Doku “Zecken-Borreliose” von Herrn Hünerfeld Stellung genommen haben, hier nun die Stellungnahme der Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Dr. med. Barbara Weitkus:

Stellungnahme zur „Arte – Sendung“ Zecken-Borreliose vom 3.5.2012

Grundsätzliche Einwände

Der Bericht ist nicht objektiv:

-       Von der Deutschen Borreliose-Gesellschaft war nur Dr. Nicolaus und von der Selbsthilfe Frau Fischer (die keine Ärztin ist) einbezogen.

-       Die ausgewählte Patientin hat die Behandlung abgebrochen.

-       Es wurde nicht über Patienten berichtet, bei denen die Behandlung erfolgreich zu Ende geführt wurde.

-       Der Bericht läuft darauf hinaus, dass einige wenige Ärzte die Not der Patienten ausnutzen, um ihnen unbegründet langwierige Therapien aufzuzwingen.

-       Es wird behauptet, die Ärzte in der Deutschen Borreliose-Gesellschaft  würden die Ängste der Patienten schüren. Das Gegenteil ist der Fall. Wir bemühen uns nach bestem Wissen und Gewissen Menschen mit vielfältigen Beschwerden, die erfolglos eine Odyssee von Arzt zu Arzt, einschließlich Universitätskliniken hinter sich gebracht haben zu helfen. Wir veranlassen eine umfangreiche Diagnostik, korrekte Erhebung der Anamnese (Krankheitsgeschichte) und eine dem Stadium der Erkrankung und dem Erregerspektrum angepasste  Therapie. Diese umfasst nicht nur Antibiotika sondern auch Immunstimulierung, Förderung der Durchblutung, Toxinausschwemmung und Darmsanierung.

 Einwände gegen Detailaussagen

Zum Symptomfragebogen:

In den vergangenen 10 Jahren habe ich ca. 300  Patienten (vorwiegend Kinder) mit chronischen, durch Zecken übertragenen Erkrankungen behandelt. Die nach Ihren Aussagen unspezifischen Symptome wie chronische Müdigkeit und Kopfschmerzen waren bei 80% meiner Patienten angegeben.

Zu den Labortests:

Das Robert Koch Institut empfiehlt nur den einfachen Antikörpersuchtest (ELISA). Wenn bei diesem Suchtest das Resultat negativ ist, ist die Borreliose ausgeschlossen.

Die Deutsche Borreliose-Gesellschaft empfiehlt in jedem Fall auch den Immunoblot durchzuführen, um die diagnostische Sicherheit zu erhöhen.

Ein weiteres Argument den Antikörpernachweis nicht ausschließlich für die Diagnose heranzuziehen ist folgendes:

Mit der Bildung von Antikörpern weisen wir die Reaktion des Immunsystems auf das Eindringen von Erregern, nicht den Erreger selbst, nach. Ist die Infektion jedoch  bereits chronisch, d.h. sie besteht schon seit einigen Jahren, dann ist das Immunsystem erschöpft und nicht mehr in der Lage, Antikörper zu bilden.

Bei meinem Patientengut kann ich nachweisen, dass anfangs der Antikörpernachweis negativ ausfiel. Nach einigen Wochen, wenn sich das Immunsystem nach antibiotischer Behandlung erholt hatte, waren Antikörper gegen verschiedene Erreger, vor allem auch Borrelien, nachweisbar.

Auch der LTT darf nicht überbewertet werden. Er ist neben vielen anderen Untersuchungen ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik. Er dient vor allem dazu festzustellen, ob die Infektion z.Z. aktiv ist.

Je nach Schweregrad der Infektion und dem Erregerspektrum sind zur Diagnostik weitere Labortests notwendig:

Gründliche Untersuchung des Immunsystems einschließlich Lymphozytentypisierung, IGG –Subklassen, Zytokine u.a.m.

Elispot, PCR, Immunofluoreszenz zum Nachweis von Antikörpern, Liquoruntersuchung, Untersuchung auf CO-Infektionen, bei neurologischen Symptomen neben dem EEG auch die Hirnperfusionsszintigraphie.

Die Diagnostik im Hinblick auf den Antikörpernachweis ist auch deshalb so wenig aussagefähig, weil verschiedene Firmen verschiedene Antigene zum Antikörpernachweis herstellen. Je nachdem welches Antigen vom Labor verwendet wurde, fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus, sogar beim Immunoblot, häufig auch falsch negative Ergebnisse.

Zu den Selbsthilfegruppen:

Diese bilden sich immer dann, wenn Patienten mit ihren Problemen von Ärzten nicht ernst genommen werden. Die Selbsthilfegruppen suchen nach Auswegen nach neuen Erkenntnissen auch im Ausland und natürlich auch nach Ärzten, die ihren Problemen aufgeschlossen gegenüber stehen.

Die Borreliose ist als Beispiel für die Selbsthilfe geradezu prädestiniert. Es waren nicht die Ärzte, die die Weltöffentlichkeit auf dieses Problem aufmerksam gemacht haben, sondern die Mutter eines betroffenen, an einer Gelenksentzündung erkrankten Kindes. Sie hat Gott und die Welt in Bewegung gesetzt, um die Ursachen der Gelenkerkrankungen bei Kindern in dem Ort Lyme aufzuklären.

Zur Therapie:

Die Therapie (auch die Therapie von Dr. Nicolaus) beschränkt sich nicht ausschließlich auf Antibiotika.

Zusätzlich und nach erfolgreicher antibiotischer Therapie  erfolgt Toxinausschwemmung, Stimulierung des Immunsystems, Durchblutungsförderung, Darmsanierung, Anwendung pflanzlicher antibakteriell wirkender Medikamente und allgemeine Rehabilitationsmaßnahmen. Die Therapie wird mit jedem Patienten individuell abgestimmt.

Die antibiotische Langzeittherapie ergibt sich, weil die Borrelien praktisch alle Zellen, Gewebe und Organe befallen und viele Überlebensstrategien entwickeln. Die Zystenbildung und der Rückzug in Biofilmen ist wissenschaftlich nachgewiesen und bei verschiedenen Erregern schon seit Robert Kochs Entdeckung des Tuberkelbakteriums bekannt.

Bei solchen Infektionen wie der Tuberkulose und der Syphilis bezweifelt kein Arzt chronische Verlaufsformen und eine 6-9 monatige Behandlung ist opportun.

Die Erreger der Borreliose sind Spirochäten, wie die Erreger der Syphilis. An der Syphilis sind viele bekannte Persönlichkeiten (Beethoven, Heine, van Gogh, Franz Schubert mit 28 Jahren, Nietzsche) gestorben. Es ist nicht so wie Dr. Fingerle behauptet, dass man an den Folgen der Antibiotikatherapie stirbt. Daran stirbt man nicht. Aber an den Folgen chronischer Infektionen kann man wohl sterben. Die Seuchen vergangener Jahrhunderte haben mehr Menschen hinweggerafft, als die Weltkriege.

Wir wollen nicht Angst machen, wir wollen dass das Problem erkannt und die Forschung auf diesem Gebiet vorangetrieben wird.

Der Aussage, dass es Scharlatane und Quacksalber schon immer gegeben hat, stelle ich einen Spruch von Rudolph Virchow entgegen:

Zwei Dinge pflegen den Fortschritt in der Medizin aufzuhalten:

Autoritäten und Systeme

 

Dr. med. Barbara Weitkus

Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

Mitglied der Deutschen Borreliosegesellschaft

9 Kommentare zu Zecken-Borreliose – ARTE Doku: Stellungnahme von Dr. med. Barbara Weitkus

  1. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Vielen Dank, Frau Dr. Weitkus für Ihre Stellungnahme! :-)

  2. kathisa meint:

    Auch von mir einen herzlichen Dank an Frau Dr. Weitkus.
    Und Hut ab vor den Ärzten, die ihren Verstand nicht ausschalten und nicht einfach kommentarlos nach irgendwelche Leitlinien von fragwürdigen Professoren therapieren, sondern eine eigene medizinische Meinung haben und sich nicht manipulieren lassen!

  3. Anja meint:

    Vielen Dank Frau Dr. Weitkus,

    es tut gut im Dschungel der Halbwahrheiten, der Verniedlichung und des Kleinredens, deutliche Worte zu lesen. Bleiben Sie uns erhalten.

  4. Catrin meint:

    Ich empfand den Filmbeitrag als Schlag ins Gesicht eines jeden Borreliosekranken.Leider reflektiert er nur zu gut die landläufige Meinung von 80% der Ärzteschaft. Ich bin z. Zt. zum 2. Mal in einer Borreliosebehandlung, nachdem die 1. Behandlung nach 7 Wocheni(5 oral,2 i.v.)mit den Worten abgebrochen wurde:”So, jetzt wird mir das zu teuer. Sie sind jetzt geheilt.Mit dem Rest müssen Sie leben.Beehren sie mich nicht wieder!”
    Aber auch jetzt bin ich gestern aus der Arztpraxis hinauskomplimentiert worden, die sich zunächst noch bereit erklärt hatte, die Infusionen durchzuführen.
    Bleibt mir nur die Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen (Bin Kassenpatient), da sich kein kassenärztlich zugelassener Arzt bereit findet, eine adäquate Therapie durchzuführen.
    Seltsam, dass sämtliche Borreliosespezialisten keine kassenärztliche Zulassung bekommen, bzw. Gefahr laufen sie zu verlieren, sobald sie sich eingehender mit der Krankheit im Sinne der Patienten zu befassen.

  5. zeckschreck meint:

    Toll. Hat sie das auch dem SWR geschickt?

  6. Melek meint:

    Ich kann diese Dreistigkeit einfach immer noch nicht fassen. Dieser Film erinnert jeden der sich mit der Thematik auch nur etwas auseinandergesetzt hat, an eine Verzweiflungstat um mit aller Macht eine Entwicklung aufzuhalten die man schon längst nicht mehr aufhalten kann. Keiner der im Film dargestellten Protagonisten, keine zementierten Verfechter überholter Lehrmeinungen können auf Dauer verhindern, dass die die Wahrheit über die chronische Borreliose ans Licht kommt. Irgendwie niedlich dass man das mit so einem schlechtgemachten Film, der vor Falschbehauptungen nur so strotzt nötig hat.
    Wenn er einen Experten interviewen will, warum hat er dann nicht Willy Burgdoferi interviewt? Nachdem ist nämlich einer der Borrelienstämme benannt? Oder hätte ihm wohlmöglich dessen Meinung nicht ins Konzept gepasst?
    “Das Allerheiligst des Borreliose Centrums Augsburg hinter Toiletten und Garderoben?”
    Also ehrlich Herr Dr. Hünerfeld haben Sie das nötig? Sie haben doch studiert.
    Für jeden der es nicht richtig gesehen haben sollte, im NRZ war auch eine Garderobe!!! Toiletten gibt es da bestimmt auch. Vielleicht werden ja eines Tages Windeln für Laborärzte und deren Personal hergestellt, solange sollten Sie doch jedem bitte eine Toilette zugestehen.

    Ist denen denn nichts Überzeugenderes eingefallen? Schade was so alles mit unseren Beiträgen angestellt wird. Auf jeden Fall ist die Werbung für Faltencreme auf QVC ungefähr auf dem selben Niveau. Von Arte hätte ich mehr erwartet. Auf jeden Fall kann ich jetzt verstehen, warum Marcel Reich-Ranicki kein Fernsehen mehr schaut.

  7. Kathrin Ebeling meint:

    Vielen Dank, Frau Dr. Weitkus! Es war so notwendig, dass sich hier nochmal ein praxiserfahrener Mediziner zu Wort meldet. Was sie für Borreliosepatienten tun, ist nicht in Worte zu fassen und außerodentlich. Alles Gute für Sie!

  8. Es ist schon gut zu sehen, dass sich hier Leute zu Wort melden und sich zum Arte-Beitrag des Herrn Hünerfeld äußern. Was aber häufig übersehen wird, ist der größere Zusammenhang. Denn faktisch stehen die Grundaussagen des Beitrages im Einklang mit den IDSA-Guidelines und denen der anerkannten Fachgesellschaften. Mich würde mal eine Arbeit interessieren, die sich gezielt mit den Hintergründen der offensichtlich gut organisierten Desinformation in Bezug auf das Phänomen der Borreliose analytisch auseinandersetz. Dabei dürfte jedoch schon jetzt bereits klar zu erkennen sein: Die Patientenschaft eines “Gesundheitssystems” bekommt die Behandlung, die sie sich durch ihre eigene Erwartungshaltung eingehandelt hat. Durch das blinde Vertrauen einer schweigenden und desinteressierten Masse in die scheinbare Kompetenz der “augenscheinlich qualifizierten Experten” sind Desinformation, Manipulation, persönlicher Bereicherung, Abrechnungsbetrug und in deren Folge Fehlbehandlungen, Tür und Tor geöffnet. Der Fall Hünerfeld ist nichts weiter als ein winziges und zeitlich begrenztes Symptom eines vor unseren Augen kollabierenden “Gesundheitssystems”. Und eben dieses ist seinerseits Teil eines auf Profitmaximierung (unbegrenztes Wachstum) ausgelegten Schuldgeldsystems. Solange die Masse der Leistungsempfänger, Konsumenten und Patienten sich nicht erkennbar organisiert und positioniert, wird sich an der Fehlbehandlungssituation der von Borreliose Betroffenen nichts ändern. Denn der gegenwärtige Zustand ist auf allen Ebenen von IDSA bis Hünerfeld das Ergebnis einer vorsätzlich organisierten Desinformation.
    Dabei ist Borreliose auch im fortgeschrittenen Stadium längst heilbar.
    G. Torbohm

  9. bit.ly meint:

    Erstaunlich Beitrag, ich in meine Favoriten hinzugefügt

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