Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen, Missstände – Teil 3

Nach einer längeren Pause möchte ich den Dreiteiler “Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen und Missstände” noch einmal aufnehmen und mit Teil 3 abschließen. Teil 2 dieser kleinen Serie hatte u. a. die Laborgläubigkeit der medizinischen Gemeinschaft und ihre schicksalhafte Auswirkung auf Patienten zum Thema.

In Teil 3 geht es heute um die Behandlung der Lyme-Borreliose (LB) – vor allem um die Grautöne in einer häufig zu sehr nach Schwarz-Weiß-Schema geführten Kontroverse.

Wo sind die Grautöne in der Schwarz-weiß-Diskussion um Borreliose?

Worauf man sich sicher in beiden “Lagern” einigen kann: Die einzige effektive Ersttherapie der LB ist bislang eine antibiotische. Wird die Borreliose-Infektion in der Frühphase entdeckt, wird ausreichend hoch dosiert und lange genug behandelt, heilt sie meist, aber nicht immer, folgenlos aus.

Worüber man sich offenbar nicht einigen kann: Was ist “ausreichend lang”? Und was heißt “ausreichend dosiert”?

Die Krux mit dieser vertrackten Infektion beginnt sogar noch einen Schritt vorher: Es gibt eine große Anzahl von Patienten, bei denen die Borreliose gar nicht in der Frühphase entdeckt wird. Ein Umstand, der immer wieder gerne unterschlagen wird. Was bedeutet insbesondere bei dieser Patientengruppe “ausreichend hoch dosiert” und “lange genug behandelt”? Gilt für diese Gruppe auch der 28-Tage-Therapie-heilt alle-Ansatz?

Die nächste Gruppe sind jene Patienten, die Antibiotika weder gewichtsadaptiert, noch mit kontrolliertem Wirkstoffspiegel verschrieben bekommen. Was für ein 50-Kilo Persönchen ausreichend sein könnte, ist für den 90-Kilo-Mann garantiert zu wenig. Wird routinemäßig der antibiotische Wirkstoffspiegel kontrolliert? Nein, wohl kaum. Was also heißt dann bei diesen Patienten “ausreichend hoch dosiert und lange genug” therapiert?

Gerade bei dieser Patientengruppe sollen Therapieversager häufig sein. Reichen 28 Therapietage womöglich nicht aus? Benötigen diese Patienten eine längere antibiotische Therapie? Und warum darf das nicht infrage gestellt werden? Es gibt durchaus Studien und Fallbeschreibungen, die zeigen, dass Borreliose-Patienten signifikant von einer längerfristigen antibiotischen Therapie profitieren. Unglücklicherweise wird dieser Patientengruppe ausgerechnet diese längerfristige Therapie entweder aus Unkenntnis oder schlimmer noch, aus dogmatischen Gründen verweigert. Was beispielsweise bei Aknepatienten gang und gäbe ist – eine langfristige Therapie mit dem Antibiotikum Minocyclin – darf nicht für schwerkranke Borreliosepatienten gelten. Erstaunlich.

Medizinische und gesellschaftliche Kosten der Lyme-Borreliose

Sicher, eine langfristige antibiotische Therapie kann zunächst als teuer empfunden werden. Aber treiben nicht unangemessen kurze Therapien in Wahrheit nicht nur die medizinischen, sondern auch die gesellschaftlichen Kosten in die Höhe? Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung, Transfereinkommen … siehe auch: http://www.verschwiegene-epidemie.de/2011/09/borreliose-was-es-kostet-zu-leugnen-dass-borreliose-chronisch-wird/

und: http://www.verschwiegene-epidemie.de/2011/10/borreliose-rechnet-sich-lyme-borreliose/

Verzerrte interessengeleitete Forschung produziert verzerrte Ergebnisse

Der größte Teil der biomedizinischen Forschung findet in den USA statt. Dort ist sie jedoch durch Interessen und finanzielle Zuwendungen von Versicherungskonzernen verzerrt, die verständlicherweise Therapiekosten und -dauer minimieren möchten. Auch die US-Regierung wird in starkem Maß von privaten und öffentlichen Lobbygruppen der Versicherungen beeinflusst. Nicht zu vergessen die Pharmaindustrie, die Impfstoffe, Schmerzmittel, Antidepressiva und vieles mehr absetzen möchte. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind Medikamente, die ein Patient lebenslang benötigt ein garantiert besseres und profitableres Geschäft, als Präparate, die heilen.

Behauptungen, dass LB binnen 3 – 4 Wochen mit Antibiotika geheilt werde, dass ELISA und Westernblot zuverlässige diagnostische Mittel sind und dass Borreliose nicht chronisch werden kann, liegen angesichts der Interessen-Gemengelage, insbesondere bei den Versicherungen und Krankenkassen auf der Hand. Sollten sie nicht als das betrachtet werden, was sie sind, interessengeleitete, tendenziöse Aussagen?

Die durch Interessen verzerrte Forschung liefert auch eine außerordentlich beeinflusste Lyme-Borreliose-Forschung und entsprechend beeinflusste Medizinstudenten. Aus diesen beeinflussten Medizinstudenten werden später Leitlinienautoren und behandelnde Ärzte.

Was haben europäische Borrelienstämme mit der US-Forschung zu tun?

In Deutschland ist die Borrelioseforschung so gut wie tot. Auch in Europa tut sich kaum etwas. Ärzte hierzulande sind gezwungen über den großen Teich zu schielen. Was schert uns da, dass wir es in Europa mit anderen Borrelienspezies zu tun haben als in den USA, mit anderen Krankheitsausprägungen und daher dringend eigene, europäische Forschung benötigen? Siehe auch: Die europäische Lyme-Borreliose unterscheidet sich hinsichtlich Erregerspezies und Vektoren von der amerikanischen Lyme-Borreliose. Die Ärzteschaft in Deutschland schielt notgedrungen auf das, was von den versicherungsaffinen und beeinflussten Leitlinienautoren in den USA geschrieben wird. Das Deutsche Ärzteblatt veröffentlicht die “US-Erkenntnisse” und verbreitet sie weiter. Entsprechende Artikel hat sicher auch Ihr Arzt gelesen. http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=28629

Als Patient werden Sie sich fragen, wie kann das sein? Warum wird ein Großteil der Literatur, die zeigt, dass LB chronisch verlaufen kann, ausgeblendet?

Borreliose – Biopsien und Autopsien statt Serologie

Was inzwischen von vielen Ärzten und Wissenschaftlern gefordert wird, sind Studien, die nicht auf Serologie beruhen, sondern auf Biopsien und Autopsien. Wenn man mit begrenzter Serologie Studien beginnt, muss man akzeptieren, dass deren Ergebnisse ebenfalls beschränkt sind. Wenn man immer mehr Borreliose-Bluttests einsetzt, wird man immer wieder und immer öfter zu den gleichen falschen Schlüssen kommen.

Biopsie-Ergebnisse dagegen zeigen unisono, dass Borrelia burgdorferi s. l. persistieren kann. Doch niemand will zugeben, dass der Kaiser keine Kleider trägt, dass er nackt ist. Zuviel steht auf dem Spiel, wenn man auf den Kaiser zeigte: Persönliche Reputation, Patente auf Bluttests, Forschungsmittel und – in den USA, Sammelklagen chronisch kranker Patienten.

Wenn man die Literatur berücksichtigen würde, die zeigt, dass Borrelien persistieren, wird die Reputation laborgläubiger Mediziner beschädigt, die auf diese Weise Tausende falsch behandeln. Und selbst wenn sie länger und intensiver behandeln möchten, in Zeiten drohender Regressforderungen, ist dennoch schnell das Ende der Fahnenstange erreicht. Höchst unwahrscheinlich, dass es bei der Borreliose hinsichtlich Diagnose und Therapie zu einem Paradigmenwechsel kommen wird. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Bei all den Kontroversen rückt das medizinische Credo Primum Non Nocere (zunächst nicht schaden) weit in den Hintergrund.

Recherchiert und übersetzt von B. Jürschik-Busbach © 2012

Literatur:

www.praxis-berghoff.de/dokumente/Ursachen_der_Erreger-Resistenz.pdf

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3297997

http://brain.oxfordjournals.org/content/119/6/2143.full.pdf

http://lymerick.net/BbPersist.pdf

In 1986, Weber reported a case of Lyme infection in a newborn baby.  The mother had been bitten by multiple ticks during her first trimester.  She developed an EM rash several weeks later.  She was treated with a “standard” course of oral penicillin for seven days, three times a day.  The baby was delivered at term and appeared normal.  During the next 23 hours the baby developed breathing problems and died.  Autopsy showed brain hemorrhages.  Spirochetes compatible with Borrelia burgdorferi, the Lyme spirochete, were demonstrated in the brain and the liver.  Initial testing of the mother’s blood was negative for antibodies to the Lyme spirochete; however, at a later date her frozen blood tested positive for IgM antibodies by the ELISA test.

Schmidli J, Hunzicker T, Moesli P, et al, Cultivation of Bb from joint fluid three months after treatment of facial palsy due to Lyme Borreliosis. J Infect Dis 1988;158:905-906

Liegner KB, Shapiro JR, Ramsey D, Halperin AJ, Hogrefe W, and Kong L. Recurrent erythema migrans despite extended antibiotic treatment with minocycline in a patient with persisting Borrelia burgdorferi infection. J. American Acad Dermatol. 1993;28:312-314

Waniek C, Prohovnik I, Kaufman MA. Rapid progressive frontal type dementia and death with subcortical degeneration associated with Lyme disease. A biopsy confirmed presence of Borrelia burgdorferi post-mortem. A case report/abstract/poster presentation. LDF state of the art conference with emphasis on neurological Lyme. April 1994, Stamford, CT*

Lawrence C, Lipton RB, Lowy FD, and Coyle PK. Seronegative Chronic Relapsing Neuroborreliosis. European Neurology. 1995;35(2):113-117

Cleveland CP, Dennler PS, Durray PH. Recurrence of Lyme disease presenting as a chest wall mass: Borrelia burgdorferi was present despite five months of IV ceftriaxone 2g, and three months of oral cefixime 400 mg BID. The presence of Borrelia burgdorferi confirmed by biopsy and culture. Poster presentation LDF International Conference on Lyme Disease research, Stamford, CT, April 1992

Haupl T, Hahn G, Rittig M, Krause A, Schoerner C, Schonnherr U, Kalden JR and Burmester GR: Persistence of Borrelia burgdorferi in ligamentous tissue from a patient with chronic Lyme Borreliosis. Arthritis and Rheum 1993;36:1621-1626

Masters EJ, Lynxwiler P, Rawlings J. Spirochetemia after continuous high dose oral amoxicillin therapy. Infect Dis Clin Practice 1994;3:207-208

Pal GS, Baker JT, Wright DJM. Penicillin resistant Borrelia encephalitis responding to cefotaxime. Lancet I (1988) 50-51

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Preac-Mursic V, Weber K, Pfister HW, Wilske B, Gross B, Baumann A, and Prokop J. Survival of Borrelia burgdorferi in antibiotically treated patients with Lyme Borreliosis Infection 1989;17:335-339

Georgilis K, Peacocke M, and Klempner MS. Fibroblasts protect the Lyme Disease spirochete, Borrelia burgdorferi from ceftriaxone in vitro. J. Infect Dis 1992;166:440-444

Haupl TH, Krause A, Bittig M. Persistence of Borrelia burgdorferi in chronic Lyme Disease: altered immune regulation or evasion into immunologically privileged sites? Abstract 149 Fifth International Conference on Lyme Borreliosis, Arlington, VA, 1992

Fried Martin D, Durray P. Gastrointestinal Disease in Children with Persistent Lyme Disease: Spirochetes isolated from the G.I. tract. 1996 LDF Lyme Conference Boston, MA.

Neuroboreliosis: Annals of Neurology Vol. 38, No 4, 1995, Dr. Andrew Pachner MD, Elizabeth Delaney BS, Tim O’Neill DVM, Ph.D.:”These data suggest that LYME NEUROBORELIOSIS REPRESENTS PERSISTENT INFECTION WITH b. BURGDORFERI”

Nowakowski, et al. Culture-Confirmed Treatment Failures of Cephalexin Therapy for Erythema Migrans. Two of six patients biopsied had culture confirmed Borrelia burgdorferi infections despite up to 21 days of cephalexin (500 mg TID) antibiotic treatment.

Nowakowski, et al, Culture-confirmed infection and reinfection with Borrelia burgdorferi. A patient, despite antibiotic therapy, had a recurring Erythema Migrans rash on three separate occasions. On each occasion it was biopsied, which revealed the active presence of Borrelia burgdorferi on two separate occasions, indicating reinfection had occurred.

Cimperman, F. Strle, et al, Repeated Isolation of Borrelia burgdorferi from the cerebrospinal fluid (CSF) of two patients treated for Lyme neuroborreliosis. Patient One was a twenty year old woman who presented with meningitis but was seronegative for Borrelia burgdorferi. Subsequently, six weeks later Bb was cultured from her CSF and she was treated with IV Rocephin 2 grams a day for 14 days. Three months later, the symptoms returned and Bb was once again isolated from the CSF.

Patient 2 was a 51 year old female who developed an EM rash after tick bite. Within two months she had severe neurological symptoms. Her serology was negative. She was denied treatment until her CSF was culture positive nine months post-tick bite. She was treated with 2 grams of Rocephin for 14 days. Two months post-antibiotic treatment, Bb was once again cultured from her CSF.

In both of these cases, the patients had negative antibodies but were culture positive, suggesting that the antibody tests are not reliable predictors of neurological Lyme Disease. Also, standard treatment regimens are insufficient when infection of the CNS is established and Bb can survive in the brain despite intravenous antibiotic treatment.

Aberer E, et al. Success and Failure in the treatment of Acrodermatitis Chronica Atrophicans (ACA) skin rash. Infection 24(1):85-87 1996. Forty-six patients with ACA were treated with either 14 days of IV Rocephin or thirty days of oral penicillin or doxycycline and followed up for one year. Of those treated with IV, 28% had no improvement, and 40% still shed Bb antigen in their urine. Of the oral group, 70% required retreatment. Conclusion: Proper length of treatment for ACA has yet to be determined.

Logigian EL, McHugh GL, Antibiotics for Early Lyme Disease May Prevent Full Seroconversion but not CNS Infection. 1997 ABSTRACT # S66.006 Neurology Symposia, NEUROLOGY 1997; A388:48. In this study, 22 late-stage neurological patients who met the Centers for Disease Control (CDC) criteria for Lyme disease were studied over a three year period. Eighty-five percent of seronegative patients who still had active disseminated infection had been treated within one month of tick bite. This means that early antibiotic treatment may make you test negative, but you still progress to develop encephalitis.

Arthritis: A three year follow-up: Valesova H, Mailer J, et al. Long-term results in patients with Lyme disease followed for three years after two weeks of IV Rocephin. Infection 24(1):98-102, 1996. Thirty-five Lyme arthritis patients were treated with a two week course of IV Rocephin. They were then followed for three years. At the end of the study, six patients had complete relapses, nineteen had marked improvement, four had new Lyme symptoms, and the rest were lost to follow up.

 

 

2 Kommentare zu Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen, Missstände – Teil 3

  1. Petra Bonin meint:

    Liebe Birgit, ich bin jedes Mal schwer beeindruckt von Deinem Engagement und Deinem unglaublichen Wissen!

    Dafür herzlichsten Dank!
    Petra

  2. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Danke, liebe Petra! *rote Ohren bekomm* ;-)

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