Ein Vortrag über Zecken, FSME und Borreliose und die Gedanken eines Zuhörers

Am 29. Februar 2012 wurde im Klinikum zum Bruderwald in Bamberg zum Thema Zecken, FSME und Borreliose referiert. Besucher dieser Veranstaltung zeigten sich anschließend irritiert über das, was die TeilnehmerInnen nach der Veranstaltung an Erkenntnissen mit nach Hause nehmen konnten. Anwesende notierten sich die dort gemachten Äußerungen und baten darum, diese nicht unkommentiert zu lassen. Hier also die Gedanken eines Zuhörers zu den angesprochenen Punkten:

Nach einer allgemeinen Einführung über die Spinnentiere, kam der Referent auf FSME und Borreliose zu sprechen. Co-Infektionen mit Babesien, Rickettsien etc. seien „sehr selten und spielen nur eine untergeordnete Rolle.“

Co-Infektionen sind sehr selten?

Wirklich? Angesichts einer völlig unzureichenden epidemiologischen Datenlage zur Inzidenz und Prävalenz von Babesien, Rickettsien und anderen durch Zeckenstiche auf Menschen übertragene Pathogene in der Bundesrepublik kann man da nicht sicher sein. Untersuchungen in der Schweiz zeigen, dass dort beispielsweise in 42% der Zecken Rickettsien gefunden wurden und in Deutschland gibt ein Zeckenlabor an, dass 6 % der Zecken mit Ehrlichien und Babesien verseucht sind. Auch einschlägige Untersuchungen von Hassler, Kimmig und Hunfeld zeigen, dass wir es wohl nicht unbedingt mit „sehr seltenen“ Infektionen zu tun haben, sondern offenbar mit Erkrankungen, die mangels Kenntnisstand schlicht nur „sehr selten“ diagnostiziert werden. Ein feiner Unterschied, finden Sie nicht?

Warum nur wird immer über adulte saugende Zecken gesprochen?

Des Weiteren wurde in dieser Veranstaltung ausgeführt, eine Zecke müsse 24 bis 48 Stunden saugen, um Borrelien zu übertragen. Leider fehlte ein Hinweis auf die Zeckennymphen. Da anamnestisch viele Patienten weder einen Zeckenstich, noch eine Zecke bemerken, beispielsweise weil viele von ihnen von nur 1 Millimeter kleinen Nymphen infiziert werden, haben jene Winzlinge auch alle Zeit der Welt, um Krankheitserreger ungestört übertragen zu können. So relativiert sich die Zeitangabe von 24  bis 48 Stunden Saugzeit sehr schnell.

Borreliose bleibt symptomlos?

Bei 95 Prozent der Betroffenen verlaufe die Infektion klinisch inapparent, nur einer von 20 Infizierten zeige Symptome, hieß es weiter. Es wäre interessant gewesen, zu erfahren, auf welche Studien sich diese Aussage stützt. Borreliose ist eine Zeitbombe – für Borreliose gibt es keine feste Inkubationszeit. Symptome können sich daher nach Wochen, Monaten oder sogar erst Jahre nach einer Borrelieninfektion zeigen.

Neuroborreliose und Lumbalpunktion

Wiederholt wurde darauf aufmerksam gemacht, dass zur Diagnostik der Neuroborreliose zwingend die Lumbalpunktion gehöre. Dazu ließe sich anmerken, dass in der Frühphase einer akuten Neuroborreliose meistens wohl noch kein pathologischer Liquorbefund vorliegt, siehe:  http://www.praxis-berghoff.de/dokumente/Liquordiagnostik_bei_LNB.pdf und es sei auch auf das Epidemiologische Bulletin des Robert Koch-Instituts Nr. 38/2007 verwiesen: „Der in der zur Zeit gültigen Form der Falldefinition geforderte labordiagnostische Nachweis der frühen Neuroborreliose wird nur bei einem sehr kleinen Anteil der übermittelten Neuroborreliosefälle erfüllt, eine Problematik, auf die schon in einem früheren Bericht hingewiesen wurde.“ Von 799 Patienten in einer Studie, alle mit eindeutig akuter Neuroborreliose, wiesen nur sage und schreibe 42 Fälle, also 5,25% die entsprechenden Liquorveränderungen auf. http://edoc.rki.de/documents/rki_fv/re3BNEVpkzVE/PDF/28lZu0maTN0mk.pdf – Seite 3 und 4.

Außerdem gibt es wohl Krankheitszustände im Rahmen einer Neuroborreliose, bei denen eine Liquoruntersuchung nicht indiziert ist, da mit pathologischen Ergebnissen nicht zu rechnen sei. Das schreiben zumindest medizinische Kollegen und verweisen auch auf entsprechende Studien (Fallon et al., Klempner et al., Kaplan et al. Krupp et al.).

Nichts gegen Liquoruntersuchungen bei Verdacht auf Neuroborreliose, aber deren Ergebnis sollte nicht zum K.O.-Kriterium gemacht werden. Genau das geschieht jedoch allzu häufig. Fehlen die erwarteten Veränderungen im Liquor trotz neurologischer Symptome, sinkt für die Infizierten häufig die Wahrscheinlichkeit, kausal behandelt zu werden, schreibt eine Neurologin, weil nur ein entzündlich veränderter Liquorbefund als Voraussetzung für eine Neuroborreliose angesehen wird. Siehe auch „Krank nach Zeckenstich – Borreliose erkennen und wirksam behandeln“, von Dr. Petra Hopf-Seidel (http://www.amazon.de/Krank-nach-Zeckenstich-Borreliose-behandeln/dp/3426873923).

Weitere diagnostische Tests?

Bei allem Verständnis für die naturgemäß manchmal verengte Sichtweise aufgrund der Facharztproblematik ist nicht recht nachzuvollziehen, dass weitere diagnostische Tests wie beispielsweise der LTT als nicht geeignet bezeichnet werden und man stattdessen am 29.02. nicht müde wurde, zu betonen, dass lediglich die Lumbalpunktion bzw. die Liquoruntersuchung bei der Diagnose einer Neuroborreliose von Bedeutung sei. Der LTT wird seit über 20 Jahren im Zusammenhang mit Borreliose eingesetzt und stetig weiterentwickelt. Vgl. auch „Untersuchungen zur diagnostischen Wertigkeit des Lymphozytentransformationstests bei Patienten mit Borreliose“, Journal Lab Med 2007; 31 (3): 149-158.

Die “Würzburger Studie”

Wiederholt wurde in der Veranstaltung auch von den Ergebnissen einer Würzburger Studie gesprochen. Gerne wird diese auch herangezogen, wenn man die Krankheitshäufigkeit in Deutschland beziffern möchte. Sollte also die Würzburger Studie von Huppertz et al. aus dem Jahre 1996/97 gemeint sein? Vermutlich. Nicht nur, dass diese Studie inzwischen arg betagt ist, anzumerken sei auch, dass es sich in dieser Studie um ein vorselektiertes Patientenkollektiv handelte. Entsprechend eingeschränkt sind die Aussagen, die sich aus dieser Studie ableiten lassen, siehe: http://www.praxis-berghoff.de/dokumente/haeufigkeit_der_borreliose_in_der_brd.pdf

Ist chronische Neuroborreliose extrem selten?

„Chronische Neuroborreliose ist extrem selten“, wurde den Zuhörern gesagt. Tatsächlich? Die Amerikanische Neurologische Gesellschaft (AAN) stützt sich und ihre Leitlinien auf die Arbeiten von Klempner, Kaplan, Krupp und Logigian. Die Frage ist, ob es überhaupt ausreichend einschlägige klinischen Studien gibt, die belastbare Aussagen zum Thema „chronische Neuroborreliose“ bzw. neurologische Krankheitsbilder im Spätstadium einer Borreliose erlauben. Die kürzlich veröffentlichte Studie von Embers et al. (http://www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/journal.pone.0029914) zeigt sogar, dass eine Borrelieninfektion trotz langer, hochdosierter Antibiotikatherapie persistieren kann.

Sind 3 Wochen antibiotischer Therapie immer ausreichend?

Den Zuhörern wurde überdies versichert, drei Wochen antibiotischer oraler Therapie seien immer ausreichend. Tatsächlich? Selbst die Studien, auf die sich Neurologen stützen, zeigen, dass die Studienpatienten deutlich länger als 3 Wochen antibiotisch behandelt wurden. Alle vier Studien zeigen im Übrigen, dass die Patienten trotz längerer antibiotischer Therapie weiterhin an Symptomen ihrer chronisch gewordenen Borreliose litten.

Immer noch sind Fehleinschätzungen und ein mangelhafter Informationsstand gang und gäbe. Angesichts fehlender klinischer (Langzeit)-Studien über die Krankheitszusammenhänge und –manifestationen der Borreliose ist das auch kein Wunder. Viele Fragen zur Diagnostik und Therapie sind noch immer unbeantwortet – das macht diese Infektion für Patienten und Ärzte so schwierig. Und das hätte man ruhig einmal einräumen können.

Vielen Dank für die Zuschriften! :-)

5 Kommentare zu Ein Vortrag über Zecken, FSME und Borreliose und die Gedanken eines Zuhörers

  1. Anita meint:

    Solch einen Vortrag habe ich kürzlich auch gehört; von einem Neurologen.
    Es ist gut, dass hier einiges richtig gestellt wird, bzw. der Versuch gemacht wird, eingefahrene Handlungs- und Erklärungsmuster aufzubrechen. Es erstaunt nur immer wieder, dass bei diesen Vorträgen selbst keine wirkliche Diskussion aufkommt.

  2. Kräuterweib meint:

    Es ist sinnvoll die Ärzten, die eine Borreliose ausschließen, zu ermutigen das Gegenteil zu beweisen. Viele Patienten, die Symptome einer Borreliose haben, können den Ärzten mehr erzählen, als diese hören wollen. Zuzugeben, dass Borreliose mit Antibiotika nicht heilbar ist, könnte zu viel Vertrauen in die Medizin zerstören. Das will man aber nicht, da man an den Kranken ja immer noch gut verdient, wenn man sie mit ihren monatlich wechselnden Beschwerdebild behandeln kann. Immer wieder “Antibiotika” immer wieder “gegen das Leben”, wie soll man da gesund werden? Meine Hausärztin hatte konsequent jede weitere antibiotische Behandlung abgelehnt, nachdem klar war, dass mein Immunsystem dank Antibiotika nicht mehr funktioniert. Antibiotika eliminierte nicht nur Krankheitserreger, sondern auch Bakterien , die zur Abwehr im Körper existieren. Derzeit wagt man kaum noch Fleisch oder Wurst zu essen, da Nutztiere mit Antibiotika vollgestopft werden. In der Öffentlichkeit wird von Antibiotika- Resistenz gesprochen. Ich gehe allerdings davon aus, dass das Immunsystem geschwächt wird, da jede Gabe Antibiotika Bakterien im Körper tötet, die unser Immunsystem aufrecht erhalten. Es wird den Menschen einfach nicht die Logik der Sache erklärt. Ich kann nur jeden Borreliose- Betroffenen raten, gute Bücher zu lesen, von Leuten geschrieben, die selbst Borreliose hatten und auch was davon verstehen. Deshalb meide ich jegliche Information über Borreliose von Schulmedizinern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Massen zu verdummen. Grund ist die Hilflosigkeit der modernen Medizin Borreliose auf Dauer zu heilen. Man möchte offenbar keine Panik verbreiten, da Borreliose eine Volksseuche geworden ist. Also lügt man , dass sich die Balken biegen. Ich behandel mich seit einem halben Jahr mit Borrelia Nosoden, sehr erfolgreich. Vorher hatte ich mein Immunsystem wieder in Ordnung gebracht ( Phönix Therapie ). Natürlich werde ich nicht von heute auf morgen gesund, nach über 20 Jahren Krankheit. Aber Symtome werden gelindert ( D 30 Nosoden, sowie symtomatische Behandlung mit entsprechendem homöopathischen Mittel). Durch meine Hausärztin, die schulmedizinisch ausgebildet, auch homöopathisch behandelt, deren Eltern beide sehr angesehene Schulmediziner sind, bin ich auf den besseren Weg zur Heilung gekommen. Antibiotika sollte wirklich nur in Lebensbedrohlichen Situationen gegeben werden, dafür wurde es früher auch ausschließlich verabreicht. Aber es hat ja die Menschen schneller wieder gesund gemacht, Krankenkassen jubelten, dass es kürzere Auszeiten gab, der Chef freute sich und die Pharmaindustrie hatte auch noch was davon. Ich achte jeden Chirurgen, der um das Leben von Menschen kämpft, aber…. ich verurteile Ärzte die Kopf- und Gehirnlos in ermangelnder Zeit, irgendwas auf das Rezept schreiben.

  3. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Vielen Dank für Deinen Kommentar, Anita :-)
    Ich finde es auch sehr begrüßenswert, das “einfach-mal-so-in-den-Raum-Gestellte” auf seine Stichhaltigkeit hin zu überdenken.
    Auch andere TeilnehmerInnen diverser Vorträge können sich immer wieder mal Notizen und anschließend Gedanken zu dem Vorgetragenen machen. Es ist schließlich nichts in Marmor gemeißelt.

  4. Petra B. meint:

    Sehr geehrtes Kräuterweib, ich möchte Ihnen hiermit widersprechen. Monatelange Antibiotika-Therapien haben mir mein Leben zurück gebracht!! Eine so schwere Infektionskrankheit heilt man nicht mit Homöopathie und Kräuterchen!
    Die Pharmaindustrie verdient nicht an patentabgelaufenen Antibiotika, sondern an den vielen Fehldiagnosen wie z.B. MS, Fibromyalgie, Depression, Rheuma, Arthrose, Alzheimer, Demenz uvm! Deshalb wird uns Patienten nach dreiwöchiger Antibiose lieber lebenslang Schmerzmittel und Psychopharmaka verabreicht, anstatt uns mit einer ausreichend langen und hoch dosierten AB-Therapie zu helfen! Hier geht es um einen Milliardenmarkt! Es geht nicht um unsere Gesundheit, es geht einzig ums Geld.

  5. Eva Scholl meint:

    Den Vortrag am 29. Februar in Bamberg hätten besser Sie gehalten.

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