Borreliose: Drohen bei der neuen geplanten S3-Leitlinie Interessenskonflikte?

In diesem Jahr startet ein ehrgeiziges Leitlinienvorhaben. Unter der Beteiligung diverser medizinischer Fachgesellschaften hat man sich vorgenommen, eine S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose zu formulieren. Für alle, die bislang dachten, es gäbe längst eine Leitlinie zur Lyme-Borreliose, soll kurz erwähnt werden, dass es nur zwei S1-Leitlinien der AWMF  gibt (eine von der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und eine von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie). Beide „Leitlinien“  haben im besten Fall höchstens Empfehlungscharakter, da die wissenschaftliche Legitimation bei S1-Leitlinien mangels Evidenz/Nachweis gering ist. Böse Zungen würden sagen, sie kommen nach dem GOBSAT-Prinzip zustande (Good old boys sitting around a table) und sie behandeln auch nur Teilaspekte der Lyme-Borreliose. Es gibt darüber hinaus noch die Leitlinien der Deutschen Borreliose-Gesellschaft „Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose“. Sie sind sind bislang die einzigen in Deutschland, bei denen man sich der komplexen Borreliose-Erkrankung in vorbildlicher Weise multidisziplinär genähert hat und die dem behandelnden Arzt die notwendige Flexibilität für Eventualitäten wie Vorerkrankungen, Ko-Infektionen etc. einräumt.

Borreliose: Von “guten” und “schlechten” medizinischen Leitlinien

Es gibt – vereinfacht gesagt – „gute“ und „schlechte“ Leitlinien. Grundvoraussetzung einer guten Leitlinie ist, dass sie evidenzbasiert ist, d.  h. dass es für theoretische Annahmen entsprechende empirische Befunde bzw. Nachweise gibt (klinische Studien, med. Veröffentlichungen etc.). Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter in die Tiefe gehen, nur so viel sei noch gesagt: Wie stark oder schwach ein Nachweis/eine Evidenz ist, bzw. wie aussagefähig eine klinische Studie ist, wird in verschiedenen Evidenzklassen erfasst. Auf der Basis dieser Evidenzklassen werden Behandlungsempfehlungen gegeben, auch diese werden nach Grad A, B und C unterteilt. Gibt es für eine Behandlungsmethode keine wissenschaftlichen Studien, einigt man sich in Übereinstimmung auf eine „good clinical practice“. Mehr zu diesen Themen: http://de.wikipedia.org/wiki/Evidenzbasierte_Medizin#Evidenzklasse

Eine gute Leitlinie ist evidenzbasiert. Um die gesamten zur Verfügung stehenden Nachweise berücksichtigen zu können, muss eine systematische Übersichtsarbeit erstellt werden. Gibt es zu wenig relevante oder qualitativ gute Studien, muss ein Konsens her. Spätestens hier kann es kritisch werden, denn wie können dabei Interessenkonflikte vermieden werden? Da Leitlinien speziell dafür geschrieben werden, die Therapie von Ärzten zu beeinflussen, können sich Interessenkonflikte verheerend auswirken und die Qualität der Therapie verschlechtern, schreibt auch das ARZNEITELEGRAMM. Und das Ärzteblatt sekundiert: „Die Bedeutung von Interessenkonflikten liegt darin, dass sie das Urteilsvermögen beeinträchtigen und damit zu Verzerrungen (Bias) und Fehleinschätzungen zulasten der Patienten führen können.“  Das Tückische an Interessenskonflikten ist, dass sie das Urteilsvermögen weitgehend oder vollständig unbewusst beeinflussen. Solche Verzerrungen entstehen unbewusst, unbeabsichtigt und gar nicht mal in böser Absicht. Informationen werden unbewusst stärker gewichtet oder weniger stark wahrgenommen, widerwillig oder bereitwillig akzeptiert – ein Phänomen, das auch als „confirmation bias“ oder „wish bias“ beschrieben wird.

Borreliose: Drohen bei der neuen geplanten S3-Leitlinie Interessenskonflikte?

Eine der medizinischen Fachgesellschaften, die an der S3-Leitlinie beteiligt ist, ist die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG). Als 2010 aktuell gültige dermatologische Leitlinien analysiert wurden, an denen die DDG beteiligt war, kamen die Autoren der Untersuchung “Offenlegung potenzieller Interessenkonflikte in dermatologischen Leitlinien in Deutschland – eine Analyse – Status Quo und Quo Vadis” zu dem wenig schmeichelhaften Schluss: „In den aktuellen Leitlinien sind die Angaben zur Finanzierung sowie zu den Interessenkonflikten unzureichend. Hier ist eine Verbesserung dringend notwendig.“

Wir alle wissen, für gewöhnlich ist es so, wer die Musik bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird. Was also ist davon zu halten, dass eben jene DDG bisher den größten Geldbetrag für die S3- Leitlinie zu Verfügung gestellt hat und außerdem „logistische Hilfestellung“ leistet?

Bislang folgte die S1-„Leitlinie“ der DDG zum Thema Borreliose weitestgehend den höchst umstrittenen Borreliose-Leitlinien der US-Gesellschaft für Infektionskrankheiten, IDSA. Die IDSA-Autoren mussten sich immerhin den Vorwurf verheimlichter Interessenskonflikte gefallen lassen. Lesen Sie hierzu auch: Wenn Leitlinien zu Leid-Linien werden und was der Mitbegründer der IDSA, Dr. Waisbren, über die Leitlinienautoren der Borreliose-Leitlinie zu sagen hat.

Seit mehr als 5 Jahren sind diese IDSA-Leitlinien nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Stand angepasst worden. Weltweit fordern Patienten und Ärzte nun per Petition, dass sie endlich überarbeitet werden. Diese umstrittenen IDSA-Leitlinien sind für unzählige Menschen weltweit zu Leid-Linien geworden. Denn, wohin der Borreliosepatient auch schaut, ob in Frankreich, in England, in Kanada oder in Deutschland (AWMF) – die jeweiligen nationalen Borreliose-Leitlinien folgen kurioserweise strikt dem IDSA-Kurs und ihrer zentralen versicherungsfreundlichen Aussage, es gebe keine chronische Borreliose. Die IDSA-Autoren (einige arbeiten für große Krankenversicherungskonzerne als „Berater“) machen die Welt Glauben, nach spätestens 28 Tagen antibiotischer Therapie sei jede Lyme-Borreliose – unabhängig von Vorerkrankungen, Dauer der Infektion, vorhandenen Ko-Infektionen etc. kuriert.

Mit großer Sorge wird somit beobachtet, dass ausgerechnet die DDG die S3-Leitlinie zum größten Teil finanziert. Wie soll ausgeschlossen werden, dass dieser Umstand nicht zu unbewussten Verzerrungen führt? Die Patienten hierzulande werden also weiterhin mit Spannung und großem Interesse das Zustandekommen der S3-Leitlinie verfolgen.

B. Jürschik-Busbach © 2012

2 Kommentare zu Borreliose: Drohen bei der neuen geplanten S3-Leitlinie Interessenskonflikte?

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