Zecken, Babesien – Gefahr für die Spenderblutempfänger?

In den USA ist man alarmiert. Immer häufiger sind Blutkonserven durch Babesien verseucht. Babesien werden durch Zeckenstiche übertragen, sie verursachen die sogenannte Babesiose, eine häufige Ko-Infektion bei Borreliose. Siehe auch: http://www.b-c-a.de/fileadmin/user_upload/BCA_Co_Infektionen.pdf

Seit Jahresbeginn ist Babesiose in den USA meldepflichtig und ein Screeningtest soll Babesien im Spenderblut ausfindig machen

Hierzulande ist man deutlich weniger besorgt. Auf Anfrage teilt das Robert Koch-Institut (RKI) mit, es sei bislang noch keine transfusionsassozierte Babesieninfektion berichtet worden und: Durch die Spenderauswahl würden Personen mit nachgewiesener Babesiose oder chronischen persistierenden bakteriellen Infektionen (z. B. Rickettsien) dauerhaft von der Spende ausgeschlossen.

Diese Informationen mögen jene beruhigen, die nicht wissen, dass bislang in Deutschland überhaupt nur ein einziges Mal über eine Analyse auf Babesien eines Blutspenderkollektivs (396 Proben; Foppa et al. 2002) publiziert wurde (siehe Seite 136 des Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 1 · 2009).

Babesien gehören weltweit zu den am weitesten verbreiteten Blutparasiten

Der Hinweis des RKI unterschlägt, dass es 1. auch asymptomatische Spender gibt und dass 2. Babesien zu den am weitesten verbreiteten Blutparasiten der Welt (nach den Trypanosomen) gehören. Siehe auch auf Seite 137: “In USA sind etliche Babesia-Übertragungen von asymptomatischen Spendern erfolgt, auch wenn das Blut 5–35 Tage gekühlt gelagert worden war, und auch wenn Blut in Gegenwart von Glycerin eingefroren wurde.”

Weiter heißt es: “Prävalenz und Inzidenz sind abhängig von der endemischen Region, im Wesentlichen von der Durchseuchung des Tierreservoirs (siehe C 1.3), der Zeckendichte, der Jahreszeit und entsprechender Zeckenaktivität und dem Freizeitverhalten
der Empfänger. Hierzu liegt für Deutschland eine Untersuchung vor.” Und weiter: “Eine Befragung nach Babesia-Infektion erfolgt nicht, da diese Infektion und das damit verbundene Krankheitsbild in der allgemeinen Bevölkerung nicht bekannt ist; aufgrund der epidemiologischen Lage ist eine Befragung wenig informativ und kaum erfolgreich.” Aufgrund der epidemiologischen Lage? Über die dürfte man angesichts nur einer einzigen Studie (Hunfeld et al.) kaum ausreichend informiert sein.

Immerhin zeigten sich in der Studie Seroprävalenzen für B. microti von 5,4% und für B. divergens von 3,6 %. Die Seroprävalenz in der Risikogruppe von süddeutschen Waldarbeitern liegt mit 13,9% sogar noch deutlich höher. In den bayerischen Parks hat man entsprechende Befallsraten ermitteln können http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21762494 und auch sonst wird gewarnt, man wisse noch wenig über Babesiose. Mal ganz ehrlich, welcher Arzt erwägt eine Babesiose in der Differentialdiagnostik fieberhafter Erkrankungen, zumal Zeckenstiche häufig nicht erinnerlich sind?

Während also das RKI auf breiter Front Entwarnung gibt, heißt es in der weiter unten genannten Dissertation:”Durch den zunehmenden Anteil von älteren, immunsupprimierten Patienten mit zahlreichen Begleiterkrankungen gewinnen die potentiell tödlichen Krankheiten – Humane Granulozytäre Ehrlichiose und Babesiose – an Aktualität. Die zunehmende Zahl HIV-positiver Individuen und die ansteigende Zahl an Patienten, die eine immunsuppressive Chemotherapie infolge einer Transplantation oder eines Tumorleidens erhalten, wird die Zahl der symptomatisch an Ehrlichiosen und Babesiosen Erkrankten weiter ansteigen lassen. (…) Ziel dieser Arbeit ist es somit auch, auf den in Deutschland wachsenden Untersuchungs- und Forschungsbedarf auf dem Gebiet der durch Zecken  übertragbaren Krankheiten hinzuweisen.(…) Hunfeld et al. und Foppa et al. verwendeten 1998 und 2002 B. microti erfolgreich als Antigen bei seroepidemiologischen Studien zur Humanen Babesiose in Deutschland und in der Schweiz. Die hohen Antikörperprävalenzen der vorliegenden Studie sprechen ebenfalls
dafür, dass B. microti in Europa eine wichtigere Rolle spielt, als bisher angenommen wurde. Für eine Kreuzreaktivität zwischen Babesien, Borrelien und Ehrlichia Spezies konnte in der Untersuchung von Krause et al. keine Evidenz gefunden werden. (…) Ehrlichiosen oder Babesiosen könnten auch die Erklärung für
„seronegative Lyme-Borreliose“ sein, da beide Erreger durch die gebräuchlichen diagnostischen Maßnahmen nicht erfasst werden. Auch eine Koinfektion mit HGE (Ehrlichiose) sollte bei Lyme-Borreliose, die auf die Therapie mit β-Laktamantibiotika nicht anspricht, gedacht werden. Da Lyme-Borreliose, Babesiose und HGE in Europa vom gleichen Vektor übertragen werden, sind Koinfektionen mit mehr als einem der Erreger nicht selten. (…) Es besteht somit weiterhin großer Forschungsbedarf auf dem Gebiet der durch Zecken übertragenen Erkrankungen in Deutschland und Europa.”

Quelle: Inaugural-Dissertation “Epidemiologische Untersuchungen zum Vorkommen der Humanen Granulozytären Ehrlichiose und Babesiose bei Waldarbeitern aus Südbayern“, 2004.

In ihrem Buch “Zecken – Kleiner Stich mit bösen Folgen” schreiben die Autoren Kimmig, Hassler und Braun: “Ähnlich wie bei der Borreliose wurden menschliche Fälle von Ehrlichiosen zunächst in den Vereinigten Staaten registriert; erst mit Verspätung begann man auch in Europa danach zu suchen. Entsprechend mager sind die bisher erhobenen epidemiologischen Daten.” Tja, so verfährt man wohl auch mit der Babesiose … Zuerst wird einmal angenommen, dass diese und jene Zoonose in Deutschland selten ist. Nur weil man das Suchen unterlässt, bedeutet es jedoch nicht, dass man nichts finden würde, wenn man denn suchte …

Hier die US-Quellen:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20420533

http://www.annals.org/content/early/2011/09/02/0003-4819-155-8-201110180-00362

http://articles.boston.com/2011-09-07/lifestyle/30123862_1_transfusion-related-blood-donors-red-blood-cells

http://www.cdc.gov/parasites/babesiosis/index.html

2 Kommentare zu Zecken, Babesien – Gefahr für die Spenderblutempfänger?

  1. kadee meint:

    Ergebnisse von Zeckenuntersuchungen

    Durchschnittliche Durchseuchungsrate mit Babesien spp. bei gefundenen Zecken:

    In Deutschland (baltische Küstenregion): 8,9 %
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21485387

    In Mitteldeutschland: 9,7 %
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20846013

    In Österreich: 51 %
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18539787?itool=EntrezSystem2.PEntrez.Pubmed.Pubmed_ResultsPanel.Pubmed_RVDocSum&ordinalpos=6

    In Holland: 10 %
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21310036

    • Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

      Vielen Dank für die Infos, Kadee! :-)
      Anfragen beim RKI ergaben, dass man sich diesbezüglich dort keine Sorgen macht, obwohl man zur Inzidenz und Prävalenz kaum Daten hat.

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