Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen, Missstände – Teil 2

Ich nehme die Frage aus dem 1. Teil dieser Artikelserie noch einmal auf: Wie kann man von Heilung sprechen, wenn der Patient noch unter Borreliose-Symptomen leidet?

Das Problem: Häufig sind es nicht die Einschränkungen unter denen ein Patient leidet, sondern das Vorhandensein oder Fehlen natürlicher Immunfaktoren bzw. Antikörper. Leider zeigen Antikörper nicht, ob es sich um eine aktive Infektion handelt – und es gibt verschiedene Gründe, warum Patienten keine oder zu wenig Antikörper gegen Borrelien-Antigene bilden. ELISA-Tests, die die Antikörper finden sollen und dabei häufig versagen, werden dennoch eingesetzt; sie sind schnell und vor allem preiswert, da sie maschinell ausgewertet werden.

Laborergebnisse sind jedoch nicht objektiv – auf sie ist kein Verlass. Bis heute ist es nicht gelungen, die serologischen Tests zu standardisieren und zuverlässig zu machen. Siehe u. a. auch: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1640618?dopt=Abstract
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2446909/?tool=pubmed
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11023188?dopt=Abstract

Dessen ungeachtet wurde und wird immer noch generell angenommen, dass diese Tests eine bessere Diagnostik bieten als die Beschwerden der Patienten bzw. ihre Reaktion auf die jeweilige Behandlung. Ebenfalls seltsam mutet die vorherrschende Meinung an, dass ein Fehlen von Antikörpern im Blut bedeuten soll, die Borrelieninfektion sei nicht mehr vorhanden. Hier baut sich Irrtum auf Irrtum auf. Bis heute wurde und wird von vielen sogar die Reduzierung der Antikörper während einer Behandlung mikrobiologisch als Heilung deklariert.

Fehlerhafte Annahmen, die Borreliose-Patienten bis heute schädigen

Auf dem Papier sieht es gut aus, wenn Mediziner ihrem Patienten erklären, der Test auf Borreliose sei negativ, ergo könne es keine Borreliose (mehr) sein. Die weitaus ehrlichere Antwort, die der Arzt dem Patienten sagen müsste, lautet: Der Test zeigt keine Antikörper (mehr), aber das Fehlen von Antikörpern bedeutet nicht, dass keine aktive Infektion vorliegen kann.

Labortests unterscheiden sich von Labor zu Labor und so auch die Testergebnisse. Mit einem negativen ELISA-Test beginnt für viele Borreliosepatienten das Leid der Fehldiagnosen. Da per fragwürdiger US-Leitlinie (IDSA) das zweistufige Testvorgehen weltweit angewendet wird, endet für viele Patienten mit einem falsch-negativem ELISA die kausal richtige Therapie, bevor sie überhaupt angefangen hat. Zum bestätigenden Westernblot-Test gelangt er erst gar nicht mehr. Meist ohne es überhaupt zu wissen. Selten wird dem Patienten gesagt, dass sein ELISA-Test negativ ausgefallen sei und man daher auch keinen Westernblot veranlasst habe, obwohl dieser eine Borreliose womöglich noch hätte erkennen können. Vermutlich ist vielen Ärzten einfach nicht bewusst, wie unzuverlässig die serologische Diagnostik bei der Lyme-Borreliose ist?!

Mit diesen diagnostischen Kriterien leidet ein Patient nicht an Borreliose, wenn sein ELISA negativ ist. Wenn der ELISA positiv ist, leidet er immer noch nicht an Borreliose, solange die nächste Teststufe nicht auch positiv ausfällt – der Westernblot. Auch dieser Test ist nicht zuverlässig. Siehe auch: http://scholar.google.de/scholar_url?hl=de&q=http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC229622/pdf/350537.pdf&sa=X&scisig=AAGBfm0GFXNmsy87rzNM02lUM0ntjYCoBw&oi=scholarr

http://www.biomedcentral.com/1471-2334/9/79

www.praxis-berghoff.de/dokumente/Lyme_Borreliose_im_Ueberblick.pdf

Das größte Problem für Borreliose-Patienten ist bis heute, dass die medizinische Gemeinschaft zwei schweren Fehleinschätzungen bei der serologischen Diagnostik aufsitzt:

1. Das Fehlen von Antikörpern bedeutet nicht, dass keine Infektion vorliegt.

2. Der Rückgang von Antikörpern garantiert nicht, dass der Patient geheilt ist und keinen Rückfall mehr erleiden wird.
Borreliose ist und bleibt in erster Linie eine klinische Diagnose!

Siehe auch:

Lawrence C, Lipton RB, Lowy FD, Coyle PK (1995). “Seronegative chronic relapsing neuroborreliosis“. Eur Neurol 35 (2): 113-7. PMID 7796837
Coyle PK, Schutzer SE, Deng Z, Krupp LB, Belman AL, Benach JL, Luft BJ (1995). “Detection of Borrelia burgdorferi-specific antigen in antibody-negative cerebrospinal fluid in neurologic Lyme disease“. Neurology 45 (11): 2010-5. PMID 7501150.
Paul A (2001). “[Arthritis, headache, facial paralysis. Despite negative laboratory tests Borrelia can still be the cause]“. MMW Mortschr Med 143 (6): 17. PMID 11247357.
Pikelj F, Strle F, Mozina M (1989). “Seronegative Lyme disease and transitory atrioventricular block“. Ann Intern Med 111 (1): 90. PMID 11247357

Warum kann die medizinische Gemeinschaft nicht akzeptieren, dass die Symptome der Patienten auch nach 28 Tagen antibiotischer Behandlung offenbar zeigen, dass eine (immer noch) eine aktive Infektion vorliegt?

Stattdessen ist man hoffnungslos zerstritten über Fragen wie:

1. Wie kann eine aktive Borrelioseinfektion angemessen und zuverlässig nachgewiesen bzw. diagnostiziert werden?

2. Wie sieht eine angemessene Behandlung bei Borreliosepatienten aus, die nach der Standardtherapie von 3 – 4 Wochen Antibiotika immer noch symptomatisch sind?

3. Welche Rolle sollen Borreliosetests in der Diagnose und Behandlung von Lyme-Borreliose spielen?

4. Warum leiden Patienten noch unter Symptomen, wenn ich sie nach IDSA-Leitlinien 28 Tage antibiotisch behandelt habe? Sind die Beschwerden autoimmun verursacht oder noch infektiös?

Gerade zu Punkt 4 lässt sich sagen: Gerade wenn Ärzte medizinischen Leitlinien der IDSA folgen, nutzen sie Therapien, für die es oft keine oder keine nennenswerte wissenschaftliche Evidenz gibt. Eine Studie “Analysis of overall level of evidence behind Infectious Diseases Society of America Practice Guidelines” zeigt recht eindrucksvoll, wie nackt der Kaiser wirklich ist. Lee und Vielemeyer analysierten 41 Leitlinien der IDSA, die zwischen 1994 und 2010 herausgegeben wurden. Mehr als die Hälfte der gegenwärtigen IDSA-”Empfehlungen” basieren nur auf Level 3 Evidenz, auf “Meinung! Die IDSA schreibt selbst: Die Qualität der Nachweise/Evidenz rangiert zwischen Level I (mindestens 1 randomisierte kontrollierte Studie) über Level II (Evidenz aus weniger als einer nicht-randomisierten klinischen Studie etc.) bis zu Level III (die Evidenz basiert auf der Meinung angesehener Autoritäten, basierend auf klinischer Erfahrung oder Berichten von Experten etc.). Siehe hier: http://www.firstreportnow.com/articles/level-evidence-used-infectious-diseases-society-america-practice-guidelines

Nach einer Studie basieren über die Hälfte der IDSA-Leitlinien auf Meinung

Das bedeutet, wir haben es eben nicht mit evidenzbasierten Leitlinien zu tun, sondern wohl mit “eminenz-basierten” Empfehlungen.

Patienten können nur hoffen, dass Ärzte vorsichtig sind, wenn sie sich nach IDSA-Leitlinien richten.Das Perfide: Versicherungen und Gutachter stützen sich auf diese “Meinungs-Leitlinien”, um Ansprüche von Patienten abzuwehren! Fakt ist bei zeckenübertragenen Infektionen: Die relevanten klinischen Studien fehlen immer noch!

Solange diese wichtigen Studien und damit Evidenzen fehlen, solange hängen Leitlinien von den “Meinungen” der Leitlinienautoren ab. Ein Armutszeugnis …

Siehe auch: http://www.reuters.com/article/2011/01/11/us-medical-best-practice-idUSTRE70A06J20110111?feedType=RSS&feedName=everything&virtualBrandChannel=11563

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar zu Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen, Missstände – Teil 2

  1. kathisa meint:

    Sehr guter Artikel!
    Hoffentlich lesen das auch viele Ärzte. So sieht leider die Wirklichkeit aus.

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