Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen, Missstände – Teil 1

In den vergangenen einhundert Jahren hat es keine Krankheit gegeben, die die medizinische Gemeinschaft derart polarisiert, wie es bei der Lyme-Borreliose (LB) der Fall ist.

Glaubte Hermann Hesse noch, dass jedem Anfang ein Zauber inne wohnt, so war es bei LB von Anfang an ein großes Missverständnis. Die beiden Frauen, Polly Murray und Judith Mensch, misstrauten der in ihrer Umgebung in Lyme grassierenden Diagnose “juvenile rheumatoide Arthritis. Nachdem die Gesundheitsbehörden in Lyme einräumten, dass die seltsame Häufung von juveniler rheumatoider Arthritis in und um Lyme um das 8-fache höher lag, als im nationalen Durchschnitt, beschloss man schließlich der Sache auf den Grund zu gehen. Der Zufall wollte es, dass sich 1975 der Rheumatologe Allen Caruthers Steere mit seinem Yale-Team der Sache annahm. Er und seine Kollegen beschrieben diese Krankheitsmanifestationen als eine neue Art von Arthritis, die sie “Lyme-Arthritis” nannten.  Der erste Stein des mit Missverständnissen gepflasterten Wegs – LB wurde jahrelang als eine rein arthritische Krankheit betrachtet.

1981, sechs Jahre später, wurde das Bakterium entdeckt, das die vermeintliche Arthritis auslöste: Borrelia burgdorferi, ein Spirochätenbakterium, das durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen wird. Fast 10 Jahre nach Steeres Lyme-Arthritis-Krankheitsbeschreibung wurde klar, dass LB de facto weit mehr als eine neue Form der Arthritis war. Man erkannte, dass LB schwere und zerstörerische neurologische Störungen hervorrufen kann. Siehe: Pachner AR, Steere AC. The triad of neurologic manifestations of Lyme Disease: Meningitis, cranial Neuritis and Radiculoneuritis. Neurology 1985, 35:47-53

Kurz darauf erschienen Artikel in der medizinischen Literatur, die nahelegten, dass die Borrelia-Spirochäte mit anderen bakteriellen Infektionserregern vergleichbar sei – Behandlungsansätze basierten auf Therapien anderer bakterieller Infektionen, wie z. B. Halsentzündung durch Streptokokken-Infektionen. Die Schlussfolgerungen der meisten frühen Studien, die nur kurze Follow-up Zeiten beinhalteten, lauteten: LB spricht gut auf eine 10 – 14-tägige Antibiotikatherapie an. Die eingesetzten Antibiotika zu jener Zeit waren: Erythromycin, Tetrazyklin und Penizillin.

Das Erstaunliche: Von Anfang an wurden in nahezu jeder Studie Therapieversager beobachtet. Je länger der Zeitraum, in dem die Patienten nachbeobachtet wurden, desto höher die Inzidenz der Therapieversager. Doch die medizinische Gemeinschaft schob die Therapieversager auf die alten drei eingesetzten Antibiotika – sie seien halt meistens nicht effektiv bei LB. Es wurde völlig ignoriert, dass auch neuere Antibiotika weder vor Rückfällen, noch vor aktiver Infektion schützten.

Seitdem haben sich die frühen Therapiestudien und die Vorstellung, dass eine maximal 2 – 3-wöchige Antibiotikatherapie bei LB adäquat und ausreichend sei ins kollektive Gedächtnis der meisten Mediziner eingeschlichen. Und das trotz der Tatsache, dass in den 15 Jahren seit Entdeckung von Borrelia burgdorferi  nahezu jede Therapiestudie Therapieversager dokumentierte.  Je länger die Nachbeobachtungszeit nach der antibiotischen Therapie, desto höher kletterten die Rückfallraten. Siehe Long-term follow-up of Lyme Disease, Nantucket Island Study, Dr. Nancy Shadick et al.

Während also von Beginn an Tausende von LB-Patienten über weiterhin anhaltende oder zunehmende Symptome nach der vermeintlich adäquaten Therapie berichten, wurden die Beobachtungen der Patienten von vielen Medizinern ignoriert und sie wurden als “geheilt” bezeichnet. Und das, obwohl viele Patienten wieder oder immer noch unter den gleichen Beschwerden leiden, die sie anfangs zu ihren Ärzten führte.

Borreliose: Was bedeutet Heilung, wenn ein Patient immer noch unter den Symptomen seiner Erkrankung leidet?

Und warum untersuchen Steere et al. lediglich 84 Patienten per 10 – 20 Jahre Follow-up? Mehr als 30 Jahre seit der Entdeckung einer schnell wachsenden Infektionskrankheit, liefern Steere et al. der medizinischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft eine Langzeituntersuchung an sage und schreibe 84 Patienten.
http://jid.oxfordjournals.org/content/183/3/453.short

Hier eine Zusammenstellung der atemberaubenden Steigerung an LB-Fällen in den USA: http://www.underourskin.com/news/lyme-disease-cases-double-five-years

War vielleicht die Kontroverse in der medizinischen Gemeinschaft über die Trivialisierung einer ernstzunehmenden Infektionskrankheit zu leise und leicht zu überhören? Wohl kaum. In den USA waren die Proteste und Internetkampagnen der Patienten und die Schilderung der klinischen Realität vieler Ärzte durchaus laut genug – siehe beispielsweise: http://www.lymeinfo.net/advocacyevents.html

Oder gibt es seitens der Gesundheitsbehörden kein Interesse an Untersuchungen über die Langzeitkonsequenzen einer Borrelioseinfektion? Insbesondere bei untertherapierten Patienten und Spätphase-Patienten? Interessiert sich auch niemand aus der Forschung für diese Themen? Warum fragt niemand, was aus den Hunderttausenden LB-Patienten geworden ist, die bestätigt unter LB leiden oder gelitten haben? Entwickeln Sie autoimmune Störungen? Mit welchen gesundheitlichen Langzeitfolgen haben sie zu kämpfen?

Steeres 84 Patienten – das ist alles, was an vermeintlich unverzerrten und breiten Langzeituntersuchungen nach 30 Jahren wissenschaftlicher  Beschäftigung mit LB von den Torwächtern der LB ins Feld geführt wird. Erstaunlich, nicht?

Fortsetzung folgt.

Persistenz der Borreliose-Infektion nach antibiotischer Therapie:

Dattwyler RJ, Halperin JJ. “Failure of Tetracycline Therapy in Early Lyme Disease.” Arthritis Rheum 1987;30:448-452

Pal GS, Baker JT, Wright DJM. “Penicillin Resistant Borrelia Encephalitis Responding to Cefotaxime”. Lancet I (1988) 50-51

Liegner KB, Shapiro JR, Ramsey D, Halperin AJ, Hogrefe W, Kong L. “Recurrent Erythema Migrans Despite Extended Antibiotic Treatment with Minocycline in a Patient with Persisting Borrelia Burgdorferi Infection”. J. American Acad Dermatol 1993;28:312-314

Masters EJ, Lynxwiler P, Rawlings J. “Spirochetemia After Continuous High Dose Oral Amoxicillin Therapy”. Infect Dis Clin Practice 1994;3:207-208

Cameron Daniel. “The Efficacy of Three Antibiotics in Elderly Lyme Borreliosis Patients: Forty patients over the age of 70 are followed for 13 months”. Abstract, 1993 LDF VI Annual Conference On Lyme Borreliosis, Atlantic City, NJ 1993 *

Cleveland CP, Dennler PS, Durray PH. “Recurrence of Lyme Disease Presenting as a Chest Wall Mass: Borrelia burgdorferi was present despite five months of IV ceftriaxone 2g, and three months of oral cefixime 400 mg BID. Poster presentation LDF International Conference on Lyme Disease research, Stamford, CT, April 1992 *

Haupl T, Hahn G, Rittig M, Krause A, Schoerner C, Schonnherr U, Kalden JR, Burmester GR. “Persistence of Borrelia Burgdorferi in Ligamentous Tissue From a Patient With Chronic Lyme Borreliosis”. Arthritis and Rheum 1993;36:1621-1626Kezler K, Tilton RC. “Persistent PCR Positivity in a Patient Being Treated for Lyme Disease”. J. of Spirochetal and Tick-Borne Diseases 1995;2(3):57-58

Lavoie Paul E. “Failure of Published Antibiotic Regimens in Lyme Borreliosis: Observations on prolonged oral therapy”. Abstract presented at the 1990 Lyme Borreliosis International Conference in Sweden.*

Lavoie Paul E. “Failure of Published Antibiotic Regimens in Lyme Borreliosis: Observations on prolonged oral therapy”. Abstract presented at the 1990 Lyme Borreliosis International Conference in Sweden.*

Preac-MursicV, Wilske B, Schierz G, et al. Repeated Isolation of Spirochetes From the Cerebrospinal Fluid of a Patient With Meningoradiculitis Bannwarth’ Syndrome”. Eur J Clin Microbiol 1984;3:564-565

Preac-Mursic V, Weber K, Pfister HW, Wilske B, Gross B, Baumann A, Prokop J. “Survival of Borrelia Burgdorferi in Antibiotically Treated Patients with Lyme Borreliosis”. Infection 1989;17:335-339

Waniek C, M.D. et al. “Rapid Progressive Frontal Type Dementia and Subcortical Degeneration Associated with Lyme Disease”. Abstract, VII Annual Lyme Disease Foundation International Conference on Lyme Disease 1993. Christina Waniek M.D, Isak Provnik PhD, Mavis A Kaufman MD Dept of Brain Imaging and Neuropathology, New York Psychiatric Institute, NY

Lawrence C, Lipton RB, Lowy FD,Coyle PK. “Seronegative Chronic Relapsing Neuroborreliosis”. European Neurology. 1995;35(2):113-117

Shadick Nancy A MD MPH; Phillips CB et al. “The Long Term Follow Up of Lyme Disease Patients Within a Fixed Population on the Island of Nantucket”. Abstract, presented at the 1997 LDF International Conference and Lyme Symposia in Boston, MA.

Kostis G, Peacocke M, Klempner MS. “Fibroblasts Protect the Lyme Disease Spirochete, Borrelia Burgdorferi, From Ceftriaxone In Vitro. J Infect Dis 1992;166:440-444

 

 

 

2 Kommentare zu Lyme-Borreliose: Missverständnisse, Mythen, Missstände – Teil 1

  1. kathisa meint:

    Ein super Artikel! Hier wird eindrucksvoll dokumentiert wie alles seinen Anfang nahm.

  2. Zeckenstich-Borreliose: Die verschwiegene Epidemie - 9 LEBEN Verlag meint:

    Vielen Dank! Teil 2 wird bald folgen! :-)

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