Zecken saugen an Ratten – viele dieser Ratten sind inzwischen mit multiresistenten Keimen verseucht

Welche bislang völlig ausgeblendeten Gefahren Zeckenstiche beinhalten, zeigt der Artikel der FAZ “Die Herrscher der Kloake“. Kanalratten seien ein bedeutendes Reservoir für multiresistente Krankheitskeime, was Krankenhäuser vor große Probleme stellt, heißt es in diesem Artikel. Ein Wissenschaftler hat erstmals seit 2008 etwa zweihundert Berliner Wanderratten untersucht; stellenweise war jedes dritte Tier mit multiresistenten Bakterien infiziert. Im Kneipenkiez Prenzlauer Berg fand der Forscher sogar potentiell pandemische Kolibakterien vom Stamm ST 131. “Wahrscheinlich werden die Tiere direkt aus den Krankenhausabwässern infiziert”, sagt er. “In den Klinikbereichen konzentrieren sich auch die Resistenzfunde.” Das Problem ist die schiere Menge der Ratten und ihre Nähe zum Menschen: Keime können sich in den Nagern stark vermehren, Resistenzgene tauschen und mit dem Rattenkot zurück in die menschliche Sphäre reisen. “Ich habe ein mulmiges Gefühl”, sagt der Wissenschaftler.

Zeckenlarven lieben die feinen Rattenohren

Leben in Zeckengebieten viele Ratten, steigt auch die Borreliosehäufigkeit

Weiter heißt es im Text:

Ganz sicher sind die Nager Wirte für Zecken. Zeckenlarven lieben die feinen Rattenohren. Faulde: “Wenn in einem Zeckengebiet viele Ratten leben, steigt auch die Borreliosehäufigkeit beim Menschen.” Besondere Sorge macht ihm die Rattensituation in Berlin: Dort sind inzwischen die borrelienübertragenden Zecken Brandenburgs in den verwahrlosenden städtischen Parks angekommen.

Hier der Artikel aus der Frankfurter Sonntagszeitung:

Die Herrscher der Kloake
Wie viele Ratten in Deutschland leben, weiß man nicht. Klar ist nur, dass sie einiges anrichten können.

Von Nike Heinen

Hameln. Die roten Markierungen auf den Gullideckeln verraten es: In Hamelns Altstadt, unter den herausgeputzten Fachwerkhäusern der Fußgängerzone, wird geflitzt, genagt und geschnüffelt. Hier haust das, was schon im sagenüberlieferten Jahr 1284 Anfang allen Unglücks war: ein ganzes Heer von Ratten.

Nur eines hat sich seit damals geändert: Bei den Ratten der mittelalterlichen Kornspeicher handelte es sich um wasserscheue Hausratten, Rattus rattus. Die heutigen Unterwelten dagegen werden größtenteils von der feuchtigkeitsliebenden Wanderratte Rattus norvegicus besiedelt. Hameln hat es, ungeachtet seines Titels als “Rattenfängerstadt”, mit ihnen auch nicht schwerer oder leichter als andere deutsche Städte mit Geschichte. Die neuzeitlichen Kanalratten lieben die unterirdischen Abwasserkanäle umso mehr, je älter und verwinkelter sie sind.

Der Mann, der die Gullideckel überall dort mit roten Punkten versieht, wo Ratten gesichtet worden sind, ist Günter Löschner. Der gelernte Kanalmaurer arbeitet seit 26 Jahren in Hamelns Abwassersystem. Vor sechs Jahren bot ihm die Stadt dann einen Lehrgang als Schädlingsbekämpfer an – um Kosten zu sparen, sollte sich fortan Löschner anstelle der örtlichen Spezialfirma um Hamelns Rattenprobleme kümmern.

Günter Löschner geht geradezu auf in seinem neuen Job. Sein Spitzname “Löschi” steht hinten auf seiner Arbeitskluft in Signalorange. Bei Bürgern mit Nagersorgen hinterlässt er grundsätzlich auch seine Privatnummer, und für die vielen Journalisten, die Hamelns sprichwörtlichen Rattenfänger bei der Arbeit begleiten wollen, lüftet er Tage im Voraus ganze Kanalstrecken durch.

Gern erzählt Löschner von den Speisegewohnheiten der Ratten, wie sie Nudeln aus der Kanalbrühe fischen und auf den Simsen fein säuberlich zu Vorratshäufchen stapeln. Es folgt die Geschichte von dem Exemplar, das es auf der Spur der weggespülten Essensreste bis hinauf ins Klo im dritten Stock geschafft hat. Höhepunkt sind die Erfolgserlebnisse: “Einmal durfte ich selbst sehen, wie das Leben ausgeht”, sagt er. “Das Tier stand unter einem Köderklotz im Kanal, im ganzen Körper brodelte es schon von dem Gift. Aber dann hat es doch weitergefressen, konnte wohl nicht anders. Fiel vor meinen Augen um.”

Wer es täglich mit den Ratten aufnimmt, lernt solche Momente eindeutigen Triumphs zwangsläufig zu schätzen. Ratten tappen nicht leicht in Fallen. Manchmal bleiben selbst die leckersten Köder einfach liegen, obwohl die Tiere in der Nähe sind. “Das”, sagt Erik Schmolz, Wildrattenspezialist am Umweltbundesamt, “liegt daran, dass Ratten sehr, sehr misstrauisch sind.” Die zurzeit verwendeten Blutgerinnungshemmer töten zwar erst nach Tagen. Doch manchen Rattenrudeln reichen schon das Warnrosa der giftigen Haferflockenpasten oder das beigemischte Vanillearoma aus, um Distanz zu halten.

Was Bekämpfungsmaßnahmen ausrichten, lässt sich insgesamt kaum sagen. Mangels Untersuchungen weiß niemand, wie viele der bis zu dreißig Zentimeter großen Mausverwandten eigentlich in Deutschland herumlaufen. “Früher nahm man einfach an, dass Ratten zwischen unten und oben hin und her wechseln”, sagt Schmolz. Zumindest in Kopenhagen scheint das nicht so zu sein. Dort fand kürzlich eine der raren wissenschaftlichen Exkursionen in die Rattenwelt statt. Wenn es die äußeren Umstände zulassen, ist Rattus norvegicus demnach eher eine Bleibe-, denn eine Wanderratte. Die Rudel verließen ihre unterirdischen Reviere rechts und links der Abwasserbäche nicht einmal für abgelegte Haferflockenpäckchen, die Nahrung aus der Kanalbrühe reichte ihnen offenbar.

Löschner selbst pocht darauf, Hameln sei momentan nahezu rattenfrei. Als 2009 ein Kontrolleur des Landesamtes für Verbraucherschutz Kanalschächte mit Haferflocken bestückte, wurde nirgendwo daran gefressen. Ein bis zwei Tonnen Köder setzt Löschner trotzdem vorbeugend im Jahr ein. Eine Ratte frisst etwa dreißig Gramm am Tag, je nach Körpergröße töten die darin enthaltenen Blutgerinnungshemmer nach vier bis acht Tagen. Zwischen 8000 und 17 000 Ratten könnte die eingesetzte Giftmenge allenfalls umbringen.

Bei einer menschlichen Einwohnerzahl von 58 000 wären das viel weniger Ratten, als selbst vorsichtige Schätzer in einer Stadt wie Hameln vermuten würden. “Die ganz konservativen Annahmen gehen bei Städten von einer Ratte pro menschlichem Einwohner aus”, sagt Gerhard Lauenstein, Professor für Zoologie an der Gießener Universität. Wird ein Territorium frei, können aus der Umgebung jederzeit neue Tiere einwandern und das Gebiet schnell wieder bevölkern: Eine einzige Rättin bringt es in der freien Wildbahn mit Kindern und Kindeskindern auf bis zu 500 Nachkommen pro Jahr.

Das niedersächsische Amt für Verbraucherschutz empfiehlt zur großflächigen Rattenkontrolle deswegen deutlich größere Giftmengen. Im zeitigen Frühjahr, zu Beginn der Fortpflanzungsperiode, je dreihundert Gramm Giftköder in jeden zweiten Kanalschacht sollten es demnach schon sein. Allein diese Frühjahrsdosis würde in Hameln angesichts von 15 000 Schächten fast 2,5 Tonnen Köder bedeuten, vom mehrfachen Nachlegen ganz zu schweigen.

Hameln ist kein Einzelfall, sondern beispielhaft für die Lage in Deutschland: Bis auf die niedersächsischen Kurorte, die dazu verpflichtet wurden, betreibt keine deutsche Stadt systematische Giftprophylaxe. Oft wird unterdosiert. “Üblich ist es, nur verdächtige Gebiete vorzubehandeln, zum Beispiel Schlachthöfe oder Großmärkte”, sagt Lauenstein. “Und ansonsten dort punktuell einzugreifen, wo die Tiere sichtbar werden.” Das läuft mehr oder weniger koordiniert ab: In Hamburg beispielsweise existiert seit 2007 beim Institut für Hygiene und Umwelt eine Karte, in der die städtischen Schädlingsbekämpfer jene Orte eintragen, an denen sie Rattenbefall festgestellt haben. Brennpunkte, an denen sich die Tiere konzentrieren, können auf diese Weise lokalisiert werden.

In Berlin dagegen weiß die zentrale Gesundheitsbehörde nach eigenem Bekunden gar nicht, wie viele Rattensichtungen es in den einzelnen Bezirken gibt, geschweige denn, wo Problembereiche sein könnten. “Wir setzen auf Eigenverantwortlichkeit. Unser Monitoring sind die aufmerksamen Bürger”, sagt Detlef Kadler, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Wasserhygiene. Flächendeckende Prophylaxe? “Ist nicht gewollt.” Und wäre sehr aufwendig. Allein die erste Frühjahrköderung der Berliner Kanalisation würde etwa dreißig Tonnen Köder verschlingen. Tatsächlich eingesetzt werden 2,6 Tonnen, kaum mehr als im kleinen Hameln.

Sebastian Günther, Seuchenforscher an der Freien Universität, hat selbst schon Exkursionen in die Berliner Unterwelt unternommen. Besonders die Bereiche unter den großen Kliniken interessieren ihn: Günther hegt nämlich den Verdacht, dass die Kanalratten ein bedeutendes Reservoir für multiresistente Krankheitskeime sind, die Krankenhäuser vor große Probleme stellen. Seit 2008 hat Günther etwa zweihundert Berliner Wanderratten untersucht, stellenweise war jedes dritte Tier mit multiresistenten Bakterien infiziert. Im Kneipenkiez Prenzlauer Berg fand er sogar potentiell pandemische Kolibakterien vom Stamm ST 131. “Wahrscheinlich werden die Tiere direkt aus den Krankenhausabwässern infiziert”, sagt Günther. “In den Klinikbereichen konzentrieren sich auch die Resistenzfunde.” Das Problem ist die schiere Menge der Ratten und ihre Nähe zum Menschen: Keime können sich in den Nagern stark vermehren, Resistenzgene tauschen und mit dem Rattenkot zurück in die menschliche Sphäre reisen.

Günthers Arbeit ist eine von insgesamt nur vier Untersuchungen zum Thema und die erste seit den achtziger Jahren überhaupt. “Ich habe ein mulmiges Gefühl”, sagt er. “Da ist eine große Gefahr, die wir einfach ignorieren.” Eindeutig konnte man bislang in Deutschland nur die Leptospirose den Ratten zuordnen, übertragen durch Rattenurin. Landwirte leben mit dem tödlichen Risiko, an ihr zu erkranken, Triathleten ebenfalls, wenn sie in innerstädtischen Gewässern schwimmen, weil dort mit dem beliebten Entenbrot auch Ratten angelockt werden. “Nicht einmal Orientierungsinformationen” gebe es, bei welchen Infektionen Ratten sonst noch als Überträger im Spiel seien, sagt Michael Faulde, Leiter der Laborgruppe Medizinische Zoologie bei der Bundeswehr in Koblenz.

Der Parasitologe untersucht gerade, welche Erreger in afghanischen Ratten lauern, um deutsche Soldaten gezielt dagegen schützen zu können. Theoretisch könnte sogar die Pest auf seiner Liste auftauchen, gerade in armen Ländern Asiens kommt es immer wieder zu Ausbrüchen. Aus Korea kennt man Ratten, die mit Hantaviren infiziert sind, außerdem können Ratten bei Fleckfieber- oder Hasenpestausbrüchen im Spiel sein. Übertragbar auf Deutschland wären Fauldes Ergebnisse nicht: Schon die Stadt- und Landratten einer einzigen Region tragen völlig unterschiedliche Keime.

Ganz sicher sind die Nager Wirte für Zecken. Zeckenlarven lieben die feinen Rattenohren. Faulde: “Wenn in einem Zeckengebiet viele Ratten leben, steigt auch die Borreliosehäufigkeit beim Menschen.” Besondere Sorge macht ihm die Rattensituation in Berlin: Dort sind inzwischen die borrelienübertragenden Zecken Brandenburgs in den verwahrlosenden städtischen Parks angekommen.

Hamburg, Deutschlands zweitgrößte Stadt, ist eigentlich auch ein Paradies für Wanderratten. Nicht wegen des Hafens – zu viel Beton -, sondern der gediegeneren Wohnviertel wegen. Die durchzieht ein Netz aus kleinen Flüssen, Fleeten und Kanälen. Ein feuchtes Plätzchen in der Uferböschung zum Nisten, einen Komposthaufen für die kalten Winter und einmal in der Woche einen gelben Sack am Straßenrand, in dem man Joghurtreste finden kann – mehr braucht eine Rattenfamilie nicht, um glücklich zu sein.

Seit Einführung einer Datenbank gibt es laut hanseatischer Statistik immer weniger befallene Orte. Die Zahl hat sich grob halbiert, auf etwa 1700. Im laufenden Jahr trudelten sogar nur 700 Meldungen ein – gute Chancen, dass das Hamburger Rattenproblem offiziell erstmals im dreistelligen Bereich bleibt. Zumindest der sichtbare Teil. Angaben zu den eingesetzten Ködermengen verweigern die Behörden.

B. Jürschik-Busbach © 2011

2 Kommentare zu Zecken saugen an Ratten – viele dieser Ratten sind inzwischen mit multiresistenten Keimen verseucht

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  2. Iris Eden meint:

    Wer Ratten nicht Tür und Tor öffnet und ihnen den Müll offen hinstellt (leider oft der Fall), der wird nie welche zu Besuch haben. Hat man es verschuldet aber noch Giftköder einzusetzen ist verantwortungslos (auch Katzen, Hunde.. essen sie), grausam (langsames inneres Verbluten und Dehydrieren) … und unwirksam. Man “erledigt” damit nämlich wahllos Tiere und erwischt irgendwann die rudelhöheren. Dann werden sich die rudelniedrigen Tiere explosionsartig vermehren. Nicht umsonst wird diese veraltete Methode gern von Kammerjägern benutzt – sie garantiert ihnen dauerhafte Arbeit. Essensreste angemessen zu entsorgen/wegzusperren löst das Problem schneller, billiger und dauerhafter. Aber der Mensch ist ein faules Gewohnheitstier und überläßt die Arbeit gern selbsternannten Experten.

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