Chronische Borreliose, Immunfehlfunktion und Antikörper – Gedanken eines US-Arztes

Ein Arzt in Germantown (das passt ja ;-) in Maryland, USA, schreibt und reflektiert über das, womit er in seiner Praxis mit Borreliosepatienten konfrontiert wird. Nach längerer Pause hat er Ende April wieder einen Artikel veröffentlicht, den ich grob und auf die Schnelle für Euch übersetzt habe (also jetzt nicht direkt den ehemaligen Englischlehrer anrufen und fragen, ob auch jedes Wort peinlich genau übersetzt wurde ;-)

Dieses Mal macht er sich Gedanken um Immunfehlfunktion und Antikörper

Clongen berichtet, dass viele ungewöhnliche Organismen in einem Tropfen Blut schwimmen, der von den am schwersten chronisch Erkrankten genommen wurde. Warum? Ich glaube, diese Patienten leiden an einem herunter regulierten Immunsystem. Patienten der ILADS/chronische Borreliosekranken-Gemeinde sagen schon länger, dass Lyme-Borreliose das Immunsystem schwächt, das sei, so heißt es, auch ein Grund, warum Ko-Infektionen und opportunistische Erreger so leicht Fuß fassen können.

Einer meiner Patienten hat mich auf Forschungen hingewiesen, die erklären könnten, wie das passiert. Wooten und andere konnten zeigen, dass Borrelia burgdorferi die Anzahl der spezifischen IL 10-Zytokine vermindert – diese Zytokine sorgen für ein normales Funktionieren des Immunsystems. Mit verminderten IL 10-Zytokinen kann der Organismus nur noch schlecht Infektionen bekämpfen.

Wenn eine Mikrobe das kann, leuchtet es ein, dass auch andere Pathogene dazu imstande sind. Beispielsweise XRMV, das man mit dem Chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) in Verbindung bringt. Die passendere Bezeichnung wäre allerdings Chronisches Erschöpfungs- und Immundefizit-Syndrom, denn dieses Syndrom ist, soweit wir das bislang verstehen, mit einer Dysfunktion des Immunsystems vergesellschaftet.

Plötzlich, Mitte der 80er Jahre begann die CFS-Epidemie. Die medizinische Gemeinschaft dachte zunächst, es könnte durch das Epstein-Barr-Virus verursacht werden. Schließlich kam man zu der Ansicht, dass die Ursache unbekannt ist. Das CDC war durch diese neue Epidemie beunruhigt – 1988 entwickelten sie eine erste Falldefinition, die 1994 überarbeitet wurde.

Besucht mal die CDC-Webseite und vergleicht die Falldefinition von CFS mit der von der ILADS publizierten erweiterten Falldefinition für chronische Borreliose. Sie gleichen sich nahezu völlig.

Fibromyalgie kam ebenfalls in dieser Zeit auf. Lange glaubte man nicht, dass „Fibro“ eine „richtige Krankheit“ sei. Schließlich veröffentlichte die Amerikanische rheumatologische Akademie eine Falldefinition, die Fibromyalgie als „wirkliche Krankheit“ anerkennt.

Fibro teilt viele Gemeinsamkeiten mit chronischer Borreliose und CFS. Sogar die Terminologie scheint ähnlich. Statt von Gehirnnebel (Brain fog) sprechen Fibro-Patienten vom „Fibro-Nebel“ (Fibro fog).

Schmerz – und ich will damit eine neue Variable vorstellen: Migräne, warum schmerzt es? Schmerzen entstehen wenn Nerven stimuliert werden, wenn eine Botschaft zum Gehirn bzw. zum Schmerzzentrum gesendet wird und damit das subjektive Gefühl von Schmerz hervorgerufen wird.

Warum Migräne? Zunächst dachten Ärzte Migräne sei eine Gefäßstörung, verursacht durch das Zusammenziehen und Erweitern der Blutgefäße. Dann dachte man, es sei eine Gehirnstörung. Unnormale Gehirnfunktionen sind mit Migräne vergesellschaftet. Heute kann man Migräne durch Botox-Spritzen behandeln. Wie das?

Botox lähmt die Nerven, entspannt die Muskeln, das wiederum entspannt die Nerven. Entzündete veränderte Muskulatur wirkt sich negativ auf die Nerven aus, die ebenfalls beschädigt werden und sich entzünden können, vielleicht noch verschlimmert durch autoimmun verursachte Schäden des Gewebes.

Viele Migränepatienten leiden auch an Fibromyalgie und an verspannten Nackenmuskeln. Der Mechanismus aus verengten und wieder erweiterten Gefäßen drückt auf Nerven. Fibro-verspannte Muskeln irritieren die Nerven auf einem anderen Weg. Das kann auch für Borreliosepatienten gesagt werden.

Das medizinische Standarddenken schiebt diese Schmerzzustände bei Fibro oder Reizdarmsyndrom auf überaus sensible Nerven, verbunden mit einer psychosomatischen Neigung. Diese Denke wird noch dadurch befeuert, dass diese Krankheiten bei Frauen häufiger vorkommen. Frauen, so folgert man, neigen zu Hysterie und psychosomatischen Problemen.

Tatsache ist, Frauen neigen zu kräftigeren Immunantworten als Männer; die Wahrscheinlichkeit, an einer Autoimmunkrankheit zu erkranken, ist doppelt so hoch als beim männlichen Geschlecht. Hier sollten wir näher hingucken!

Zurück an den Anfang: Kranke haben Krankheitserreger im Blut. Das Immunsytem ist gestört. Vielleicht initiiert eine Infektion mit Lyme, Mykoplasmen oder etwas anderem den Prozess, den wir bei chronischen Borreliosepatienten, CFS-Patienten, Fibropatienten, Migräne u. v. m. sehen? Die angreifenden Pathogene sind darauf programmiert, die normalen immunologischen Funktionen zu unterbrechen, mit weitreichenden Folgen.

Einige Antidepressiva wie Cymbalta, Elavil unterbrechen die neuronalen Botschaften, die zum Schmerzzentrum geschickt werden bzw. verändern das Empfinden von Schmerz im Kopf. Das Gleiche gilt für Neurontin, Lyrica. Sie helfen manchen Patienten, beseitigen aber nicht die Ursache. Manchmal wirken Antibiotika sehr viel besser bei diesen Patienten.

Immunsuppression durch eine Infektion (neben genetischen, Stress oder anderen Faktoren) kann „schlafende“ Pathogene aktivieren. Das würde auch erklären, warum Borreliosepatienten mit einem Rückfall, häufig auch einen Rückfall früherer bereits unter Kontrolle gebrachter Ko-Infektionen wie Babesiose erleiden.

Dieser Prozess könnte mit multiplen Zusammenbrüchen der normalen Immunfunktion zusammenhängen. Z. B: Zytokine werden dysreguliert, T-Zellen und B-Zellen werden fehlgesteuert – Auto-Antikörper entstehen.

Entscheidend ist am Ende: Reagiert die Erkrankung – sei es Fibro, CFS oder Borreliose – auf Antibiotika, oder nicht? Was die Frage aufwirft: Welche Antibiotika, welche Anti-Malariamittel etc.? Wenn man nicht das richtige Mittel nimmt, wird man niemals wissen, ob die Erkrankung eine ist, die auf Antibiotika anspricht. Das ist die Schwierigkeit.

Übersetzt und recherchiert B. Jürschik-Busbach © 2011

Hier geht es zum Original: http://lymemd.blogspot.com/

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